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Yuval Noah Harari, “Eine kurze Geschichte der Menschheit” (Rezension)

Zwar kann ich kein Hebräisch. Aber ich habe das Gefühl, dass der hebräische Originaltitel von Dr. Yuval Noah Hararis Eine kurze Geschichte der Menschheit in mindestens einer Hinsicht das Buch besser beschreibt als der deutsche Titel: kurz ist das Buch nicht. Sondern ein 500-Seiten-Wälzer mit 29 Illustrationen (samt Abbildungsverzeichnis im Anhang), 13 Grafiken, sechs Karten (samt Kartenverzeichnis im Anhang), vier Tabellen sowie einem Anmerkungsapparat, in dem sich auch die Literatur- und Quellenangaben verbergen. Der Gedanke an einen 500-Seiten-Schinken mag andere abschrecken. Mich nicht, wenn es sich um ein Buch handelt, das gelehrt, geistreich und ausgesprochen gut geschrieben ist, stringent argumentiert, mit Witz, Esprit und großem Sachverstand daherkommt. Und all das tut dieses elegante, präzise, kurzweilige Buch, obgleich die darin erzählte Erfolgsgeschichte der Menschheit eher umdüstert ist. Warum auch sollte ein Buch über Menschheitswerdung und Menschheit nicht umdüstert sein? Die Evolution „interessiert sich nicht für das individuelle Glück oder Leid. Der Evolution ist es gleichgültig, was die Tiere fühlen, sie zählt nur die Exemplare“, heißt es an einer Stelle des Harari-Buches. Und an einer anderen: „Es ist […] wichtig zu verstehen, dass das Wohl der Menschen nicht zu den Leitprinzipien der Geschichte gehört, und dass es keinen Grund zu der Annahme gibt, die erfolgreichsten Kulturen der Geschichte seien automatisch der beste Lebensraum für den Homo sapiens. Genau wie die Evolution schert sich die Geschichte wenig um das Glück einzelner Organismen.“

„Die Geschichte der menschlichen Kulturen wurde von drei großen Revolutionen geprägt. Die kognitive Revolution vor etwa 70 000 Jahren brachte die Geschichte überhaupt erst in Gang.“  Ihr ist der Erste Teil des Buches gewidmet. „Die landwirtschaftliche Revolution vor rund 12 000 Jahren beschleunigte sie“; diese Revolution ist Thema des Zweiten Teils. „Und die wissenschaftliche Revolution, die vor knapp 500 Jahren ihren Anfang nahm, könnte das Ende der Geschichte und der Beginn von etwas völlig Neuem sein. Dieses Buch erzählt, welche Konsequenzen diese drei Revolutionen für den Menschen und seine Mitlebewesen hatten und haben.“
Die gängigste Theorie, was die Kognitive Revolution auslöste, „geht davon aus, dass zufällige Genmutationen die Kabel im Gehirn des Sapiens neu verschaltet hatten und dass sie deshalb lernen konnten, in noch nie dagewesener Weise zu denken und mit einer völlig neuen Form von Sprache zu kommunizieren.“ Sie ermöglichte es, Gruppen auf bis zu 150 Personen zu erweitern, „enger miteinander zusammen[zu]arbeiten und komplexere Formen der Zusammenarbeit [zu] entwickeln.“ Vehikel dafür waren Klatsch und Tratsch,  aber auch gemeinsame „Geschichten, die wir Menschen erfinden und einander erzählen. Götter, Nationen, Geld, Menschenrechte und Gesetze gibt es gar nicht – sie existieren nur in unserer kollektiven Vorstellungswelt“. Andernorts betont Harari, dass eine solche erfundene Wirklichkeit keine Lüge sei: „Anders als eine Lüge ist eine erfundene Wirklichkeit etwas, an das alle glauben. Und solange alle daran glauben, hat die erfundene Wirklichkeit ganz reale Macht in der wirklichen Welt.“ Sie sei „der geheimnisvolle Kitt, der eine große Zahl von Individuen, Familien und Gruppen zusammenhält. Dieser Kitt hat uns zu den Herren der Schöpfung gemacht.“ Dank der Kognitiven Revolution „entwickelten die Sapiens die Technik, die organisatorischen Fähigkeiten und vielleicht auch die erforderliche Vision“, die Welt zu besiedeln. Bereits in diesem Stadium bereiteten die Sapiens der biologischen Fülle von „mehreren Ökosystemen mit ihren ganz eigenen Tier- und Pflanzenwelten […] ein Ende“, behauptet Harari. „Wenn sie auf eine fremde und bedrohliche Umwelt trafen, fackelten sie gezielt riesige Flächen von undurchdringlichem Busch und dichten Wäldern ab. Auf offenem Grasland war das Wild leichter zu jagen“. Auf dem australischen Kontinent starben von den 24 Tierarten, die über 50 Kilogramm wogen, 23 aus. In Nordamerika verschwanden nach der Besiedelung 34 von 47 Großsäugetierarten, und in Südamerika sogar 50 von 60: „Wenn wir die massiven Artensterben in Australien und Amerika zusammennehmen und die Arten hinzuzählen, die der Homo sapiens auf seinem Weg durch Afrika, Europa und Asien ausgerottet hat […], dann stellen wir fest, dass der weise Mensch die größte Katastrophe war, von der die Tier- und Pflanzenwelt der Erde je heimgesucht wurde“, so Harari: „Die erste Ausrottungswelle, die auf die Wanderungen der Jäger und Sammler folgte, und die zweite Ausrottungswelle, die mit der Verbreitung der Landwirtschaft einherging, geben uns wichtige Einblicke in die dritte Ausrottungswelle, die heute mit der Ausbreitung der Industrie Hand in Hand geht. Die romantische Vorstellung, dass die moderne Industrie die Natur zerstört, während unsere Vorfahren in Einklang mit ihr lebten, ist nichts als eine Illusion. […] Wir haben die zweifelhafte Ehre, die mörderischste Art in der Geschichte des Lebens zu sein.“

Der Zweite Teil des Buches schildert u.a. den Prozess der Landwirtschaftlichen Revolution, der schleichend, aber unumkehrbar die Menschheit überrollte. „Da der Getreideanbau ein rasches Bevölkerungswachstum ermöglichte, waren die Bauern den Jägern und Sammlern zahlenmäßig schon bald überlegen. Die Wildbeuter konnten entweder das Weite suchen“ oder „sich selbst vor den Pflug spannen. So oder so war ihre alte Lebensweise dem Untergang geweiht.“ Die einsetzende Bevölkerungsexplosion sorgte allerdings dafür, dass „größere Menge an Nahrungsmitteln […] keineswegs eine bessere Ernährung oder mehr Freizeit“ für die Bauern bedeutete. „Leider gelang es den fleißigen Bauern nie, ihren Traum von der wirtschaftlichen Sicherheit durch harte Arbeit wahr zu machen. Überall machten sich Herrscher und Eliten breit, die den Bauern ihre Überschüsse wegnahmen und ihnen gerade genug zum Überleben ließen“. Wozu diese Herrscher und Eliten gut waren? Weil sie die oben erwähnten kollektiven Vorstellungswelten zementierten und damit Gruppe und Gruppendynamik aufrechterhielten. Eine erfundene Ordnung läuft nämlich „ständig Gefahr, in sich zusammenzufallen wie ein Kartenhaus, weil sie auf Mythen gebaut ist, und weil Mythen verschwinden, wenn niemand mehr an sie glaubt. Um eine erfundene Ordnung aufrechtzuerhalten, sind konstant große Anstrengungen erforderliche. Einige dieser Anstrengungen können durchaus die Form von Zwang und Gewalt annehmen“, so Harari: „Die geraubten Lebensmittelvorräte wurden der Treibstoff der Geschichte und der Zivilisation. Sie waren es, die Politik, Kriege, Kunst und Philosophie antrieben und Paläste, Festungen, Monumente und Tempel errichteten.“ Änderungen in der bestehenden erfundenen Ordnung gab es nur dadurch, dass andere erfundene Ordnungen an ihre Stelle traten. „Im Durchschnitt arbeiteten die Bauern mehr als die Jäger und Sammler und bekamen zum Dank eine ärmere Kost. Die landwirtschaftliche Revolution war der größte Betrug der Geschichte.“ Und auch in anderer Hinsicht eine Volksverdummung: „Wir wissen heute, dass das durchschnittliche Sapiens-Gehirn seit Beginn der landwirtschaftlichen Revolution geschrumpft ist. Um als Jäger und Sammler zu überleben, mussten die Menschen über hervorragende geistige Fähigkeiten verfügen. Mit der Landwirtschaft und der Industrie konnten sich unsere Vorfahren zunehmend auf die Fähigkeiten der anderen verlassen, und es öffneten sich Nischen für weniger talentierte Menschen“. Ausgeglichen wurde eine etwaige Verdummung damals womöglich durch eine neue Erfindung. „Die begrenzte Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns deckelte die Größe und Komplexität der menschlichen Gesellschaften. Nachdem die Zahl der Menschen und ihrer Besitzungen eine bestimmte Größenordnung überschritten hatte, mussten gewaltige Mengen an Information verarbeitet werden.“ Lösung für diesen Problem: die Schrift. Sie konnte „gewaltige Mengen langweiliger Daten speichern, an die sich kein menschliches Gehirn jemals erinnern würde und die nicht im Genom gespeichert waren“, so Harari. Ganz allmählich veränderten die Schrift und die mit ihr tunlichst verbundenen Methoden zur Archivierung, Katalogisierung und Recherche „die Denkweise und Weltsicht der Menschen. Freie Assoziation und ganzheitliches Denken mussten Bürokratie und Kästchendenken weichen.“ Außerdem konnten die Menschen „mit der Errichtung fester Siedlungen […] immer mehr überflüssigen Luxus produzieren, ohne den sie schon bald nicht mehr leben konnten.“ Auf das Problem der Luxus-Sucht kommt Harari übrigens im Vierten Teil des Buches in einer XXXL-Version zurück.

„Hat die Geschichte ein Ziel?“, fragt Harari zuvor im Dritten Teil des Buches, der sich ausnahmsweise nicht einer der drei großen Revolutionen, sondern der Vereinigung der Menschheit widmet. Harari antwortet auf diese Frage: „Das hat sie in der Tat. Wenn wir die Entwicklung über die Jahrtausende und Kontinente hinweg betrachten, stellen wir fest, dass kleine, einfache Kulturen zu immer größeren und komplexeren Kulturen verschmelzen.“ Drei Katalysatoren, drei erfundenen Wirklichkeiten auf dem Weg zur Weltkultur widmet Harari jeweils ein eigenes Kapitel. Erster Katalysator: das Geld. „Genau wie die Schrift eine Antwort auf die Bedürfnisse der zunehmenden Verwaltungstätigkeit war, war das Geld eine Antwort auf die Bedürfnisse der zunehmenden Wirtschaftstätigkeit.“ Dass das Geld „eine rein geistige Revolution“ ist, sieht man schon am aktuellen Zustand: „Über 90 Prozent des gesamten Geldes – mehr als 400 Billionen Dollar auf unseren Konten – existieren nur in Computern.“ Dennoch ist alle Welt bereit, „Güter und Dienstleistungen gegen elektronische Daten zu tauschen“, so Harari: „Alle nehmen immer Geld, weil alle anderen auch immer Geld nehmen“. Damit ist Geld „das einzige von Menschen geschaffene System, das fast jede kulturelle Barriere überwindet und nicht nach Religion, Geschlecht, Rasse, Alter oder sexueller Orientierung fragt.“ Zweiter Katalysator: der Wahn vom Weltreich. „Großreiche haben eine entscheidende Rolle bei der Verschmelzung vieler kleiner zu wenigen großen Kulturen gespielt. Gedanken, Menschen, Waren und Technologien werden in einem Imperium schneller weitergegeben als in einer politisch zerstrittenen Region.“ Heutzutage werde die Welt „von mächtigen internationalen Kapital-, Arbeits- und Informationsströmen gestaltet, die sich zunehmend über nationale Grenzen und Meinungen hinwegsetzen“, meint Harari: „Das globale Imperium, das vor unseren Augen entsteht, wird nicht von einem bestimmten Staat oder einer bestimmten ethnischen Gruppe beherrscht. Wie das Römische Reich in seiner Spätphase wird dieses Imperium von einer multiethnischen Elite geführt und von einer gemeinsamen Kultur und gemeinsamen Interessen zusammengehalten.“ Dritter Katalysator: die Religionen. Die Entstehung missionswilliger Universalreligionen „leistete einen entscheidenden Beitrag zur Vereinigung der Menschheit, genau wie die Imperien und das Geld.“ Diese missionswilligen Universalreligionen legitimierten oder schufen nämlich eine gesellschaftliche Ordnung, indem sie auf einen göttlichen Willen verwiesen. Man betone: einen göttlichen Willen. „Monotheisten sind in der Regel sehr viel fanatischer als Polytheisten und legen einen gewaltigen missionarischen Eifer an den Tag. Wenn eine Religion andere Religionen neben sich dulden würde, dann würde das entweder bedeuten, dass ihr Gott nicht das mächtigste Wesen des Universums ist, oder dass dieser Gott ihr einen Teil der universellen Wahrheit vorenthalten hat. Da Monotheisten überzeugt sind, dass sie die vollständige Botschaft des einen wahren Gottes erhalten haben, fühlen sie sich genötigt, allen anderen Religionen die Existenzberechtigung abzusprechen. Im Laufe der letzten zwei Jahrtausende haben monotheistische Religionen daher alles getan, um ihre Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Damit waren sie sehr erfolgreich.“ Ähnlich wie Religionen bewertet Harari übrigens Ideologien, „denn die modernen Ideologien sehen den traditionellen Religionen zum Verwechseln ähnlich. Wenn eine Religion ein System von Werten und Normen ist, das sich auf eine übermenschliche Ordnung beruft, dann ist der Kommunismus genauso eine Religion wie der Islam.“ Momentaner Stand bei der Vereinigung der Menschheit laut Harari: „Heute leben alle Menschen unter demselben politischen System (der gesamte Planet ist in international anerkannte Nationalstaaten aufgeteilt), demselben wirtschaftlichen System (die Kräfte des Marktes erfassen selbst die entlegensten Winkel des Planeten) und demselben Rechtssystem (zumindest theoretisch gelten überall die Menschenrechte und das Völkerrecht)“, meint Harari. Etwaigen Einwänden entgegnet er: „Diese Weltkultur ist keineswegs homogen. Genau wie ein Körper verschiedene Organe und Zelltypen hat, so setzt sich unsere globale Kultur aus vielen unterschiedlichen Lebensformen und Menschen zusammen […]. Trotzdem stehen sie alle in enger Verbindung und beeinflussen einander auf vielfältige Weise.“

„Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen werden von Leuten bezahlt, die hoffen, mit dem Ergebnis ihre politischen, wirtschaftlichen und religiösen Ziele zu erreichen“, stellte Harari im Vierten Teil des Buches fest, wobei Religion (wie oben beschrieben) auch durch Ideologie ersetzt werden kann. Die Rückkopplung zwischen der modernen Wissenschaft einerseits, den Ziel-Gebern Politik/Imperium, Wirtschaft/Kapital, Religion/Ideologie andererseits „war vermutlich in den vergangenen fünf Jahrhunderten der Motor der Geschichte. In den folgenden Kapiteln wollen wir uns mit diesem Motor beschäftigen. Zunächst schauen wir uns an, wie die zwei Turbinen Wissenschaft und Imperium aneinander gekoppelt waren, und dann untersuchen wir, wie beide mit der Geldpumpe des Kapitalismus verbunden wurden.“ Wieso Harari eine Zäsur vor fünf Jahrhunderten sieht? Wegen der Renaissance („Europäer lernten, wissenschaftlich und kapitalistisch zu denken und zu handeln, lange bevor sie einen spürbaren technischen Vorsprung daraus zogen“) und wegen der Entdeckung Amerikas. „Mit der Entdeckung Amerikas lernten die Europäer, neuen Beobachtungen größeres Gewicht beizumessen als alten Überlieferungen, und der Wunsch, Amerika zu erobern, zwang sie, mit halsbrecherischer Geschwindigkeit neues Wissen zu erwerben. […] Die Bibel, alte Atlanten und mündliche Überlieferungen halfen ihnen dabei nicht weiter“, stellt Harari fest. „Sowohl der Wissenschaftler als auch der Eroberer begann mit einem Eingeständnis seines Unwissens (’Ich weiß nicht, was mich da draußen erwartet‘). Um diesen Mangel zu beheben, machten sich beide auf die Suche nach neuen Erkenntnissen“, so Harari. „Die Expeditionen von Zheng He zeigen, dass die Europäer keinen technischen Vorsprung hatten. Was die europäischen Expeditionen so einmalig macht, ist der beispiellose und unstillbare Entdeckungs- und Eroberungsdrang“, während die nach und nach eroberten Völker sich durch „Provinzialismus“ und Desinteresse für die Vorgänge jenseits des Tellerrands auszeichneten. Wirtschaft/Kapital gesellten sich dann zur Romanze zwischen Imperium/Politik und Wissenschaft. Während vorherige Eroberer ihre Kriege über Steuern und Plünderungen finanzierten, änderte sich das dank dieser Ménage-à-trois nun. „Die europäische Eroberung der Welt wurde immer mehr über Kredite und immer weniger über Steuern finanziert, und sie wurde zunehmend von Kapitalisten gelenkt, die vor allem daran interessiert waren, ihre Erträge zu maximieren“, so Harari: „Der magische Zirkel des imperialistischen Kapitalismus kam in Gang: Kredite finanzierten neue Entdeckungen, Entdeckungen wurden zu Kolonien, Kolonien erwirtschafteten Gewinne, Gewinne schufen Vertrauen, und Vertrauen war die Grundlage für neue Kredite.“ Angesichts eines Beispiels wie dem der Firma EIC, deren Heer „mit 350 000 Soldaten größer war als das der britischen Krone“, oder der Firma VOC findet Harari: „Wer Angst vor der immer größeren Macht der Unternehmen des 21. Jahrhunderts hat, sollte sich mit der Geschichte der frühen Neuzeit beschäftigen, um zu sehen, was alles passieren kann, wenn Unternehmen ohne jede Aufsicht und Kontrolle ihre Interessen verfolgen.“ Apropos Lernen aus der Geschichte: Über das 19. Jahrhundert berichtet Harari, dass den westlichen Regierungen schon damals vorgeworfen wurde, „sie seien nichts weiter als die Handlanger der Kapitalisten.“ Eine weitere Revolution war zu jener Zeit bereits in vollem Gange. „Die Industrielle Revolution, die über Europa hinwegfegte, bereicherte Bankiers und Kapitaleigentümer und verdammte Millionen von Arbeitern zu einem Leben in Elend und Armut“, so Harari. „Nach 1908 und vor allem nach 1945 wurde die Gier der Kapitalisten durch die Furcht vor dem Kommunismus ein wenig gedämpft. Doch die Ungleichheit grassiert weiter. Heute ist der Kuchen zwar um ein Vielfaches größer als im Jahr 1500, doch er ist so ungleich verteilt, dass viele afrikanische Bauern und indonesische Arbeiter nach einem anstrengenden Arbeitstag mit einem kleineren Krümel nach Hause kommen als ihre Vorfahren vor 500 Jahren. Es ist gut möglich, dass sich das moderne Wirtschaftswachstum als ebenso gigantischer Betrug erweist wie die landwirtschaftliche Revolution.“ Dem wird die These entgegengehalten, „wenn wir nur noch ein bisschen warten und den Kuchen nur noch ein bisschen wachsen ließen, dann bekomme ganz bestimmt jeder ein größeres Stück ab. […] Aber kann der Kuchen wirklich immer größer werden? Jeder Kuchen benötigt Rohstoffe und Energie. Längst erklären Mahner, dass der Homo sapiens die Rohstoffe und die Energie des Planeten früher oder später aufgebraucht haben wird. Was passiert dann?“ Diese Frage, so Harari, stelle sich in dieser Form gar nicht so dringend. „Alle paar Jahrzehnte entdecken wir eine neue Energiequelle, sodass die Gesamtsumme der verfügbaren Energie immer weiter wächst“, behauptet Harari. „Die immer effektivere Nutzung und Umwandlung von Energie löste auch ein anderes Problem, das dem Wirtschaftswachstum Fesseln anlegte: die Rohstoffknappheit.“ Die Menschen konnten „Rohstoffvorkommen erschließen, die früher unzugänglich gewesen wären […], oder die Rohstoffe von immer weiter entfernten Lieferanten beziehen […]. Gleichzeitig konnte die Menschheit mithilfe wissenschaftlicher Entdeckungen immer neue Rohstoffe erfinden, zum Beispiel die Kunststoffe, oder zuvor unbekannte natürliche Rohstoffe entdecken, zum Beispiel Silikon oder Aluminium.“ Weder Energie- noch Rohstoffsituation seien also ein Grund für Weltuntergangsszenarien. Vielmehr habe man die damit verbundene Umweltzerstörung zu fürchten, eine Furcht, die betäubt werde von einer kapitalistisch-konsumistischen Ethik. „Der Konsumismus bewertet den Konsum von immer mehr Produkten und Dienstleistungen positiv. Er fordert die Menschen auf, sich etwas ’zu gönnen‘ und redet ihnen ein, Sparsamkeit sei ein Komplex, von dem man sich frei machen müsse“, so Harari. „Hersteller erfinden bewusst Produkte mit kurzer Lebensdauer und entwickeln ständig neue Modelle von im Grunde völlig ausreichenden Produkten. Diese Produkte braucht zwar kein Mensch, wir müssen sie aber trotzdem kaufen, um ’in‘ zu bleiben.“ Dadurch verwandle sich unser „einstmals blauer und grüner Planet […] in eine Mischung aus Einkaufszentrum und städtischer Müllkippe“, mit immer geringerer biologischer Vielfalt. „Wenn Sie alle Menschen auf eine riesige Waage stellen würden, kämen Sie auf rund 300 Millionen Tonnen. Wenn Sie alle Nutztiere […] auf dieselbe[] Waage stellen würden, kämen Sie auf etwa 700 Millionen Tonnen. Im Gegensatz dazu brächten die freilebenden Wirbeltiere – von Igeln und Spitzmäusen bis zu Elefanten und Walen – gerade einmal 100 Millionen Tonnen auf die Waage“, stellt Harari die Situation bildlich dar. „Viele sprechen von einer ’Zerstörung der Natur‘. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch nur um eine Veränderung.“ Zwar „löscht die Menschheit zahlreiche Arten aus und könnte sich sogar selbst ein Grab schaufeln, doch anderen Arten kommt dies sehr entgegen. Ratten und Kakerlaken erleben beispielsweise ein Goldenes Zeitalter. […] Vielleicht werden intelligente Ratten in 65 Millionen Jahren voller Dankbarkeit auf die Verheerungen zurückblicken, die wir Menschen heute anrichten, genau wie wir heute auf den Meteoriten zurückblicken, der die Dinosaurier ausradierte.“

ISBN 978-3-421-04595-9; EUR 24,99


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