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Was passiert in der öffentlichen Verwaltung?

Tom Cruise und Co. – Prominente im Dienst der Scientology

Die CSI Miami-Darstellerin Sofia Milos beim ARD-Flaggschiff Tatort, John Travolta bei „Wetten dass…“, der aus der „Lindenstraße“ bekannte Schauspieler Franz Rampelmann als Wahlkampfstar der Partei „Die Grünen“, Tom Cruise als Gast des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Solche Auftritte prominenter Scientologen lösen in Deutschland immer wieder hitzige Debatten aus.

Für Regierungen, Behörden und Parteien, aber auch für Fernsehanstalten, Journalisten und Veranstalter wirft die Mitgliedschaft bekannter Künstler bei Scientology[1] besondere Fragen auf: Sind prominente Scientologen Gallionsfiguren einer verfassungsfeindlichen Organisation, die diese bewusst zu Werbezwecken einsetzt? Was fasziniert Künstler an Scientology? Wer gehört eigentlich alles zu der Vereinigung? Und wie soll man damit umgehen?

Wirklich befriedigende Antworten lassen sich nicht auf alle Fragen finden und bei ihrer Beantwortung ist auch besondere Vorsicht geboten. So geraten Prominente immer wieder zu Unrecht in den Verdacht, Scientologen zu sein – eine Erfahrung, die z.B. der deutsche Showmaster Thomas Gottschalk machen musste, als ein Namensvetter Kurse bei der Organisation besuchte.[2]

Welche Künstler sind bei Scientology?

Wer tatsächlich zu den Hubbard-Anhängern zählt, lässt sich nur verlässlich feststellen, wenn sich derjenige dazu bekennt und es eine Bestätigung durch die Vereinigung gibt. Dies kann insbesondere bei den Künstlern angenommen werden, die mit ihrer Verbindung zu Scientology in Büchern, Zeitschriften oder sonstigen Publikationen der Organisation werben.

In den vergangenen Jahren zählten dazu die Schauspieler Tom Cruise, John Travolta, Kelly Preston, Kirstie Alley, Anne Archer, Jenna Elfman, Danny Masterson, Catherine Bell, Jennifer Aspen und Jeff Pomerantz, die Sängerinnen Kate Ceberano, Julia Migenes, Maxine Nightingale und Gloria Rush, die Musiker Billy Sheehan, Mark Isham, Isaac Hayes und Chick Corea, der Maler Gottfried Helnwein und viele andere.[3]

Allerdings geben auch solche Publikationen immer nur einen „Ist-Zustand“ wider. Ob diejenigen, die einmal für Scientology geworben haben, noch immer in der Vereinigung sind, muss daher auch immer wieder neu geprüft werden.

Warum ausgerechnet Scientology?

Bemerkenswert ist, dass sich das Engagement bekannter Persönlichkeiten oftmals nicht darin erschöpft, für die Vereinigung zu werben. Künstler wie z.B. Kirstie Alley nehmen bzw. nahmen wichtige Funktionen in scientologischen Gruppierungen wahr und auch das finanzielle Engagement ist teilweise beachtlich.

So trug Tom Cruise 2004 den von der International Association of Scientologists (IAS) für eine Spende von einer Million Dollar verliehenen „IAS Ehrenstatus“ eines sog. Gold Meritorious – damals die höchste innerverbandliche Auszeichnung, die man für Geld erwerben konnte.[4] Nur ein Jahr später hatte die IAS ihr Spendensystem erweitert und Tom Cruise erwarb den Titel eines sog. Platin Meritorious, verliehen für eine Spendensumme von 2,5 Millionen Dollar.[5]

Warum so viele Künstler bei Scientology aktiv werden lässt sich naturgemäß nicht verlässlich feststellen, da es sich um eine „innere Tatsache“ handelt, die nur der jeweils Handelnde kennt. Die in Werbeschriften und Verbandspublikationen abgedruckten Stellungnahmen mögen insofern ein Indiz für die mögliche Motivation sein. Schon im Hinblick auf die Zielsetzung solcher Veröffentlichungen sind sie – wie jede Werbeaussage – aber grundsätzlich kritisch zu betrachten.

So kann es durchaus sein, dass John Travolta bei Veröffentlichung einer in dem Buch „Was ist Scientology“ getätigten Werbeaussage wirklich meinte, dass Scientology ihm „zum Durchbruch verholfen“ hat, Kelly Preston glaubte, dass sie durch Scientology „alles haben oder sein“ kann „was immer (Sie) will“, und Kirstie Alley davon ausging, „ohne Scientology wäre (Sie) tot“.[6] Die genannten Künstler können aber ebenso durch ganz andere Gründe motiviert gewesen sein – oder mittlerweile völlig anders darüber denken.

Künstler als Werbeträger?

Dass Scientology bemüht ist, bekannte Persönlichkeiten für sich zu gewinnen, ist dagegen offensichtlich. Deutlich wird dies u.a. durch die sog. Celebrity Centres. Dabei handelt es sich um Organisationseinheiten, deren Aufgabe darin besteht „die Ausübung der Dianetik und der Scientology-Religion bekannten Persönlichkeiten aus der Öffentlichkeit, Profis, Managern und viel versprechendem Nachwuchs aus Kunst, Sport und Management in einem für diese Personen angemessenen Umfeld zu ermöglichen“[7]. Nach Darlegungen des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard, sind sie „dafür verantwortlich, sicherzustellen, daß Prominente (Celebrities) in ihrem Machtbereich expandieren“.[8]

Was damit gemeint ist, offenbart eine interne Anweisung der Vereinigung: Danach haben Celebrity Centres den Zweck, „dafür zu sorgen, dass prominente Persönlichkeiten hervorragende Dienstleistungen erhalten, dass sie durch die Anwendung standardgemäßer Tech schnell die Brücke hinaufgehen und dass sie in der Tech ausgebildet werden, so dass sie ihren eigenen Einflussbereich erweitern können und dadurch neue Kanäle in die Gesellschaft hinein öffnen“.[9]

Wie erfolgreich einzelne Künstler nach Einschätzung der Organisation „neue Kanäle in die Gesellschaft hinein öffnen“ zeigt eine Rede des mächtigsten Scientologen, dem Leiter des sog. Religious Technology Centers (RTC) David Miscavige anlässlich einer verbandsinternen Ehrung von Tom Cruise.

Darin bezeichnete er den Schauspieler als „den engagiertesten Scientologen“, den er kennt und führte zu dessen Leistungen für Scientology u.a. aus: „Durch Presse, Funk, Fernsehen und persönliche Kontakte hat er nun 250 Millionen Menschen mit der Studiertechnologie (Anm. gemeint ist die Studiertechnologie Hubbards) erreicht. (…) Jede Stunde hören in 90 Ländern 5000 Menschen seine Worte über Scientology. Jede Minute jeder Stunde greift jemand nach LRH Technology (Anmerkung: LRH ist die Abkürzung für Lafayette Ron Hubbard) oder betritt die Brücke, einfach weil er weiß, dass Tom Cruise ein Scientologe ist“.[10]

Einerseits, anderseits – und nun?

Diese Zahlen wirken zwar maßlos übertrieben – und sind es wohl auch. Miscaviges Äußerungen verdeutlichen aber, in welchem Dilemma sich diejenigen befinden, die Scientologen öffentliche Auftritte ermöglichen.

Einerseits müssen sie sich im Klaren sein, dass Künstler von der Vereinigung ganz bewusst als Werbeträger eingesetzt werden. Dabei sehen sich die Verantwortlichen oft auch dem Vorwurf ausgesetzt, dass Scientology „in Deutschland von Verfassungsschutz beobachtet“ wird und man Mitgliedern einer „verfassungsfeindlichen Organisation (…) keine Bühne geben“ sollte.[11]

Unabhängig von der Frage, ob diese Vorwürfe zutreffen, ist andererseits zu bedenken, dass jeder Künstler zunächst einmal schlicht Künstler ist und die öffentliche Wahrnehmung und Wertschätzung dementsprechend vor allem durch die künstlerischen Leistungen geprägt wird. Ein Gesinnungsrecht ist dem demokratischen Rechtstaat fremd, Grundrechte sind – wie Fehlau es einmal in Bezug auf die durch Art. 4 GG geschützte Bekenntnisfreiheit ausgedrückt hat – keine „Prämie für eine verfassungskonforme und staatstragende Gesinnung“.[12]

Eine deutsche Problematik?

Zudem ist zu bedenken, dass der Umgang mit berühmten Scientologen der Vereinigung immer wieder die Möglichkeit gibt auf nationaler und internationaler Ebene öffentlichkeitswirksam eine (vorgeblich) religiöse Diskriminierung in Deutschland anzuprangern.

So traten z.B. der Schauspieler John Travolta, der Komponist und Oscar-Gewinner Isaac Hayes und der Musiker Chick Corea vor Mitgliedern der US-Kommission für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa als prominente „Zeugen“ für die nach Darstellung der Scientology-Organisationfast durchgängige Diskriminierung seitens Behörden auf Bundes-, Landes- und örtlicher Ebene“ auf.[13]

Dabei ist zu berücksichtigen, dass Scientology in den U.S.A. zumeist anders eingeschätzt wird als in Deutschland. Dies zeigt sich auch im Umgang mit prominenten Scientologen. So wurde Tom Cruise von dem bekannten Simon Wiesenthal Center in Los Angeles für seine langjährige Unterstützung des Centers und des Museum of Tolerance 2011 die „höchste Ehre“, der „Humanitarian Award“ verliehen.[14] Kritik an dieser Preisverleihung gab es in Amerika nicht – anders als in Deutschland, als dem Schauspieler 2007 der „Bambi Courage“, der Fernsehpreis der Hubert Burda Media für besonderen Mut verliehen wurde.

Egal – oder doch nicht?

Vor dem Hintergrund solcher Erwägungen verwundert es nicht, dass der Umgang mit prominenten Scientologen in Deutschland sehr unterschiedlich gehandhabt wird. So sah die ARD kein Problem darin, Sofia Milos im Tatort auftreten zu lassen, da deren „weltanschauliche Überzeugungen (…) keine Rolle für die Ausstrahlung des Films“ spielten.[15]

Das ZDF hat trotz massiver Kritik an der Einladung von John Travolta zu Wetten dass… festgehalten, nach eigener Aussage aber mit dessen Management vereinbart, dass in der Sendung nicht über Scientology gesprochen wird.[16] Dagegen haben die Grünen die Zusammenarbeit mit ihrem „langjährigen Vorzeigewahlkämpfer“[17] Franz Rampelmann unverzüglich eingestellt, als öffentlich bekannt wurde, dass er auch bei Scientology aktiv ist.

Klaus Wowereit hat Tom Cruise mittlerweile schon mehrfach getroffen und auch im Roten Rathaus empfangen. Für den Regierenden Bürgermeister standen dabei wirtschaftliche Erwägungen im Vordergrund. Interessant ist insofern, wie Wowereit selbst die damit verbundene Problematik beschrieben hat: „Natürlich ist das eine Gratwanderung (…). Einerseits ist er (Anmerkung: gemeint ist Tom Cruise) ein geschätzter Schauspieler, andererseits ein krasser Propagandist für Scientology.“ Wowereits Fazit: „Egal wie man sich verhält, es ist nie richtig“.[18]

Für Institutionen und Verbände, die mit der gleichen Problematik konfrontiert werden, scheint diese Feststellung wenig hilfreich. Und doch trifft sie wohl den berühmten Nagel auf den nicht weniger berühmten Kopf.

Prof. Dr. Arnd Diringer

Hochschule Ludwigsburg

Literaturhinweise

[1] Vgl. zu dieser Thematik bereits Diringer, Die Brücke zur völligen Freiheit?, 2006, S. 78ff.

[2] Vgl. dazu FOCUS Magazin Nr. 29 (1993), abrufbar unter http://www.focus.de/kultur/leben/showbusiness-der-doppelte-gottschalk_aid_141772.html (zuletzt abgerufen am 19.02.2013).

[3] Nachweise dazu finden sich in Church of Scientology International, Free Mind Magazin 2/2003, S. 14ff; dies., Was ist Scientology 1998, S. 234ff; dies., Was Scientologen über Scientology sagen, 2000, S. 52ff.; dies., Scientology News Ausgabe 29, S. 42; Scientology-Kirche Hamburg, Was ist Scientology – Fragen und Antworten, 1990, S. 19.

[4] Quelle: International Association of Scientologists, Impact – Magazin der IAS, Ausgabe 109, 2004, S. 39.

[5] Quelle: International Association of Scientologists, Impact – Magazin der IAS, Ausgabe 111, 2005, S. 61.

[6] Quelle . Church of Scientology International, Was ist Scientology 1998, S. 233, 234, 235.

[7] So die Selbstdarstellung des Celebrity Centre Scientology Kirche München, abrufbar unter http://www.celebrity-centre-muenchen.de/, (zuletzt abgerufen am 19.02.2013).

[8] L. Ron Hubbard, Erweitertes Verwaltungsglossar, 1988, S. 17.

[9] Church of Scientology International, Die Führungskanäle der Scientology, 1988, S. 19.

[10] Church of. Scientology International, International Scientology News Ausgabe 29, S. 42.

[11] So die bekannte Scientology-Kritikerin Ursula Caberta, Focus.de vom 12.08.2011, abrufbar unter http://www.focus.de/kultur/kino_tv/sofia-milos-tatort-star-aus-der-kampftruppe-der-scientology_aid_654977.html (zuletzt abgerufen am 19.02.2013).

[12] Fehlau, JuS 1993, 441, 444

[13] Church of Scientology International, Magazin Freiheit 1998, S. 4.

[14] Mitteilung des Simon Wiesenthal Centers, abrufbar unter http://www.wiesenthal.com/site/apps/nlnet/content2.aspx?c=lsKWLbPJLnF&b=4441467&ct=9379943 (zuletzt abgerufen am 19.02.2013).

[15] Zitat aus Focus.de vom 12.08.2011, abrufbar unter http://www.focus.de/kultur/kino_tv/sofia-milos-tatort-star-aus-der-kampftruppe-der-scientology_aid_654977.html (zuletzt abgerufen am 19.02.2013).

[16] Vgl. Spiegel-Online vom 27.03.2007, abrufbar unter http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/scientology-anhaenger-travolta-bei-wetten-dass-nicht-willkommen-a-474244.html (zuletzt abgerufen am 19.02.2013).

[17] Taz.de vom 30.08.2006, abrufbar unter http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2006/08/30/a0007 (zuletzt abgerufen am 19.02.2013).

[18] Zitat aus Stern.de vom 20.09.2013, im Internet abrufbar unter http://www.stern.de/kultur/film/2-tom-cruise-in-berlin-thanks-for-the-pasta-597610.html (zuletzt abgerufen am 19.02.2013).

2 Kommentare

  1. Qwert
    geschrieben am 8. März 2013 um 13:33 Uhr | Permalink

    Ich finde den Artikel im Großen und Ganzen sehr gut. Er zeigt die Problematik, die mit dem (künstlich und fälschlicherweise erzeugten) schlechten Image von Scientology hier in Deutschland einhergehen.

    Hauptkritikpunkt hierbei ist, dass der Autor davon ausgeht, dass die Märchen der Massenmedien über Scientology stimmen. Und das ist der grundlegende Fehler, denn sie entsprechen nicht der Wahrheit. Ein persönlicher Ratschlag: machen Sie sich Ihr eigenes Bild, denn wenn Sie eigene Erfahrungen, eigene Beobachtungen und so eigene Wahrheiten haben, machen Sie nicht den Fehler die (falschen) Meinungen anderer nachzuechon!

  2. geschrieben am 16. November 2014 um 17:51 Uhr | Permalink

    Nun ich kenne Scientology von damals noch und kann nur sagen daß es keine Sekte ist. Die Leute dort sind freundlich. Und als ich umgezogen bin weg von München ist mir von denen keiner Nachgestellt, so wie es diese Kritiker immer behaupten.

    Eigentlich ist das meiste was die Kritiker behaupten nur absoluter Schwachsinn, das weiß ich gewiss.


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