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Was passiert in der öffentlichen Verwaltung?

Studienfahrt der Hochschule Kehl: Südafrika

Im Februar 2012 reiste eine 16-köpfige Gruppe von Studenten der Hochschule Kehl für zwei Wochen durch Südafrika. Die Intention dieser als Studienfahrt ausgelegten Reise war der Vergleich zwischen deutschem und süd­afrikanischem administrativem und politischem System. Neben vielen offiziellen Empfängen bei Stadtverwaltungen und Ministerien in Kapstadt und der Hauptstadt Pretoria blieb aber auch noch genügend Zeit, Land und Leute kennenzulernen.

Als der Airbus A380 am Montag in Johannesburg landet, ist schnell klar: Die nächsten zwei Wochen werden etwas ganz besonderes. Selten hat man die Möglichkeit, auf einer einzigen Reise von zwei Wochen so viel zu sehen. Selten wurde ein Programm zeitlich so straff geplant. Dennoch blieb bei der Ankunft Zeit die wärmende Sonne zu genießen. Immerhin knapp 40 (!) Grad Unterschied zum eiskalten Deutschland mit Dauerfrost. Von Johannesburg aus startete die Studien­fahrtgruppe mit zwei geliehenen Minibussen in Richtung Pretoria, der Hauptstadt Südafrikas, in der sie abends von einer Gruppe Studierenden der Partneruniversität Pretoria herzlich zum Abendessen empfangen wurde. Als die Ersten zu später Stunde anmerkten, es werde so langsam „kalt“, wird deutlich, dass man sich bereits angekommen fühlte im fremden Südafrika.

Seminar an der Universität Pretoria

Die folgenden zwei Tage verbrachten die Studenten – die von Frau Kipp (Leiterin des Akademischen Auslandsamts) und Herrn Prof. Meuthen (Südafrika-Beauftragter) begleitet wurden – an der Universität Pretoria. Der dortige sehr weitläufige Campus kann nicht mit dem der Hochschule Kehl verglichen werden. Die gesamte Freizeit der südafrikanischen Studenten spielt sich hier im Grünen und in der Umgebung vieler bunter Blumen ab. Die Atmosphäre ist beeindruckend entspannt. Im Rahmen eines Seminars präsentierten die deutschen Studenten ihren süd­afrikanischen Kollegen Deutschland von seiner politischen und administrativen Seite, während die Südafrikaner durch eigene Präsentationen den Vergleich ermöglichten.

Südafrikanische Studenten der Universität Pretoria präsentieren ihr Heimatland, Foto: Mattes

Schnell wird klar, dass es so viele Unterschiede, wie erwartet, eigentlich gar nicht gibt. Die Südafrikaner betonten zu Recht ihren Stolz auf die südafrikanische Verfassung, die als die modernste der Welt gilt. Und die Deutschen versuchten den Sinngehalt des Föderalismus zu erklären. Nach Abschluss des Seminars haben alle Teilnehmer nicht nur für den späteren Beruf als Verwaltungsmitarbeiter völlig neue Denkanstöße bekommen, sondern auch viele gute Freunde dazu­gewonnen. Da fällt der Abschied in Pretoria fast ein bisschen schwer.


Abenteuer: Blyde River Canyon und Krüger Nationalpark

Am Donnerstag brach die Studienfahrtgruppe zum „Abenteuer-Part“ der Reise auf. Von Pretoria aus ging die Fahrt mit den Minibussen zunächst zum fünf Stunden entfernten Blyde River Canyon, einem der schönsten Naturschutzreservate der Welt, und am Tag darauf in den noch einmal vier Stunden entfernten Krüger Nationalpark. Dort begaben sich die Studenten auf Safari. Tagsüber im eigenen Minibus, nachts in der Dunkelheit sogar im offenen Jeep mit südafrikanischem Reiseführer. Die Weite und Unberührtheit der Landschaft, die dabei durchfahren wurde, war faszinierend. Doch es kam noch ein weiteres einmaliges Erlebnis hinzu: Alle Mitreisenden konnten die berühmten „Big Five“ live und hautnah zu Gesicht bekommen. Das heißt sie konnten Elefanten mit ihren riesigen Ohren schlackern sehen, ebenso ein Spitzmaulnashorn, wie es träge seines Weges lang zog, einen wachsamen Büffel, der in der Prärie stand – und sogar Löwen und Leoparden mit nur wenigen Metern Abstand konnten sie beobachten.

Studenten der Hochschule Kehl im Blyde River Canyon Nationalpark (hintere Reihe von links nach rechts: Anna-Maria Hönle, Silke Schröter, Alice Karg, Janina Sachsenmeier; vordere Reihe von links nach rechts: Judith Rau, Sarina Blum, Janina Süss, Julia Müller, Lena Blocher, Lydia Mattes; unten rechts: Patrick Mock)

Westliches Südafrika: Kapstadt

Am Sonntag schließlich ging es die vielen Kilometer nach Johannesburg zurück, um von dort aus nach Kapstadt zu fliegen. Schon bei der Ankunft am Flughafen in Kapstadt erschienen die Menschen viel internationaler, die Gebäude viel moderner und insgesamt alles viel westlicher als die Tage zuvor. Das unberührte eigentliche Südafrika wurde zurückgelassen.

Am Abend traf sich die Reisegruppe mit anderen Kehler Studenten, die gerade ihre Auslandspraktika in Kapstadt und Umgebung ableisten, auf einen Drink im „Café Extrablatt“, einem urig-deutschen Café, das auch von Einheimischen gut besucht wird. Die Studenten verfielen in einen regen Austausch und planten bereits ihre eigenen Auslandspraktika aufgrund der positiven Erzählungen derer, die ihre Praktika gerade in Südafrika absolvieren.

Empfang im Bildungsministerium

Am Montag wird die Gruppe im Bildungsministerium des Parlaments der Provinz Western Cape von Direktor Zozo Siyengo und seinem Kollegen empfangen. Die beiden Männer gaben sich große Mühe Südafrika und speziell die Provinz Western Cape von ihrer schönen und glorreichen Seite zu präsentieren, kamen aber nicht drum herum, auch über die Bildungsproblematik, die fehlenden Aufstiegs­möglichkeiten junger Mitarbeiter und das Leben in Townships ohne Strom und fließend Wasser zu sprechen. Es fehle Südafrika vor allem an qualifizierten Mitarbeitern im Ingenieurswesen, so der Direktor. Dennoch befinde sich Südafrika in einer stetigen Verbesserung. Die Möglichkeiten zu lernen werden immer mehr, weil auch immer mehr Schulen gebaut werden könnten (auch mit deutscher Hilfe) und die Gesellschaft in der jungen Demokratie Südafrika finde immer mehr zu sich selbst und entwickele eine Identität – die einer weltweit einmaligen Regenbogennation.

Die beiden Männer sagten, sie können viel von Deutschland lernen und wollen ebenso als Nation wachsen. Dabei bemerkte man aber, dass auch die Deutschen viel von Südafrika lernen können. Multikulturalismus und Integration etwa sind längst Top-Themen in der deutschen politischen Diskussion. Der Direktor Siyengo wollte den Deutschen für die Bewältigung der Probleme der Zukunft Mut machen. Er sagte, die Jugend habe große Aufgaben vor sich und müsste Vertrauen in sich selbst haben. Bildung sei der Schlüssel zum Erfolg. Es verhalte sich wie mit einer silbernen Schale, die man im Township zum Kochen benützt: Über dem offenen Feuer werde sie ganz rußig und schmutzig. Aber wäscht man sie, dann glänzt sie bestechlich schön silbrig und offenbare das, was sie eigentlich ausmacht. Einen ähnlichen Effekt des Offenbarens, was wirklich in einem steckt, habe Bildung auf die Menschen. Die Rede von Siyengo berührte die deutschen Zuhörer und erinnerte daran, für wie selbstverständlich Bildungsmöglichkeiten und Schulpflicht hierzulande genommen werden.

Kap der guten Hoffnung

Am nächsten Tag fuhr die Reisegruppe zum Kap der Guten Hoffnung, dem südlichsten Punkt des afrikanischen Kontinents – ein Tourismuserlebnis, das man gehabt haben muss, wenn man schon in Südafrika ist. Unter der brennend heißen Sonne verbrachten die Studenten einen rundum schönen Tag.

Teilnehmer der Studienfahrt am Kap der Guten Hoffnung. (hintere Reihe von links nach rechts: Carsten Wieck, Steffen Bäuerlein; vordere Reihe von links nach rechts: Sarina Blum, Lydia Mattes, Alice Karg, Julia Müller, Patrick Mock, Anna-Maria Hönle, Judith Rau, Janina Süss, Lena Blocher, Silke Schröter, Janina Sachsenmeier, Felix Lonsinger)

Empfang bei der Stadtverwaltung Kapstadt

Am Mittwoch folgte der nächste Empfang. Dieses Mal bei der Stadtverwaltung von Kapstadt. Die Studenten wurden von Mitarbeitern im großen Sitzungssaal des Stadtrats empfangen. Thematisiert wurden vor allem die Finanzen der Stadt und die Bemühungen der Stadtverwaltung, Kapstadt allen Bürgern der Region einen Zugang zu fließendem Wasser und Strom zu ermöglichen. Als die deutschen Studenten im Anschluss an die Präsentation gefragt wurden, vor welchen großen Aufgaben denn die deutschen Städte und Gemeinden stünden, dann erschien es diesen fast schon ein bisschen peinlich echte Luxusprobleme aufzuzählen – während Warmwasser in Deutschland natürlich wieder einmal selbstver­ständlich ist.

Robben Island

Nachmittags besuchte die Reisegruppe Robben Island, die Insel auf der Nelson Mandela jahrelang als politischer Gefangener lebte. Durch eine professionelle Führung über die Insel und einem sich daran anschließenden Vortrag eines ehemaligen Insassen über die damaligen Haftbedingungen fühlte man sich regelrecht in die Zeit zurückversetzt, in der in Südafrika Apartheid und Fremdenhass anstelle von Toleranz und Miteinander regierten. Die Stimmung war beklemmend und die Fakten erinnerten sehr an die deutsche Geschichte. Verabschiedet wurde die Reisegruppe übrigens mit dem einprägsamen Satz eines dortigen Mitarbeiters: „Wenn ihr aus Deutschland kommt und denkt, die Deutschen hätten das Konzentrationslager erfunden, dann kommt nach Südafrika und seht euch auf Robben Island um. Und dann wisst ihr, dass es eigentlich die Südafrikaner waren.“

Seminar an der Universität Stellenbosch

Am Donnerstag fand ein weiteres Seminar für die Studenten statt; sie besuchten die zweite Partneruniversität der Hochschule Kehl, die Universität Stellenbosch. In einem ähnlichen Workshop wie an der Universität Pretoria diskutierten die deutschen Studenten mit ihren südafrikanischen Kollegen über Krankenversicherungen, Geburtenraten, Schulpflicht und auch über die Unterschiede im Studium.

Reger Austausch im Seminar an der Universität Stellenbosch (von links nach rechts: Pia Kipp und Prof. Jörg Meuthen, Hochschule Kehl. Prof. Erwin Schwella, Universität Stellenbosch)

Beide Gruppen studieren „Public Management“, also öffentliche Verwaltung. Für die Südafrikaner heißt das jedoch, das sie in erster Linie Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre lernen, während die Deutschen in erste Linie rechtswissen­schaftliche Fächer absolvieren. Was zunächst als ein krasser Kontrast dasteht, erklären die Südafrikaner damit, dass alles in einer Stadt damit steht und fällt, ob die Stadt Geld hat. Dass also zunächst ein solider Haushalt stehen muss und sie dafür ausgebildet werden, während sie Gesetze doch auch so lesen könnten, wenn sie sie bräuchten. Die Deutschen schmunzelten darüber, dass man die meisten Gesetze beim ersten Lesen sowieso nicht verstehen könne, mussten aber einsehen, dass die Logik der Südafrikaner, was den Schwerpunkt Wirtschaft im Studium anbelangt, bestechlich ist.

Nach einem kurzen Empfang nachmittags bei der Stadtverwaltung Stellenbosch folgte am Abend ein schönes Abendessen in einem Restaurant in den „Wine Lands“, also den Weinanbaugebieten rund um Stellenbosch. Und hier fand sich dann doch wieder eine herausstechende Gemeinsamkeit: Die Südafrikaner sind ebenso stolz auf ihre Weine wie die Badener auf die ihrigen badischen Weine. Und darauf wird, wie kann es anders sein, natürlich angestoßen.

Western Cape Provinzparlament

Am Freitag folgte die Studienfahrtgruppe einer Einladung in das Provinzparlament der Region Western Cape. Im größten Sitzungssaal des Hauses, dessen holzvertäfelte geschnitzte Ausstattung ein wenig an Westminster Abbey erinnert, wurde die Gruppe vom Minister für Kultus und Sport empfangen. Und auch nach dem x-ten offiziellen Empfang konnten die Studenten auch hier noch etwas dazu lernen. Der Minister sprach über die Parteienlandschaft Südafrikas und erzählte, dass Wahlen und Wahlkämpfe für Südafrika sehr wichtig seien, da es die Demokratie ja erst seit 1996 gibt. Er meinte, in Südafrika habe jeder eine Chance gehört zu werden, wenn er Probleme hat, aber weil genau das auch jeder Bürger wisse, falle es manchmal schwer schnelle Entscheidungen zu treffen, wenn jeder sich zunächst noch dazu äußern möchte. Mit einem guten Eindruck über das politische Geschehen in Südafrika verließ die Gruppe das Parlament und lief auf den Treppenstufen vor dem Parlament direkt einem Mann entgegen, der sich ein Schild umgehängt hatte, auf dem er Korruption, Fehlversorgung der Bürger und Machtgier der Politiker anprangerte. Ein bisschen brachte diese Begegnung das positive Bild zum Wanken.

Rundgang in einem Township

Nachmittags und zum Abschluss der Studienfahrt beschlossen die Studenten eine Führung durch ein Township mitmachen zu wollen. Nach so vielen Vorträgen und theoretischen Erkenntnissen wächst die Neugierde „live“ sehen zu wollen, wie Menschen in einem Township, also einer Marginalsiedelung, leben. Die Reisegruppe hatte Glück, dass sie von Reiseführer Sam Ntimba geführt werden. Sam lebt selbst im Township, verdient sich und seiner Familie mit den Führungen das nötige Kleingeld hinzu und beklagt sich nie über seine Situation, sondern ist fast ein wenig stolz auf das soziale gemeinschaftliche Leben, wie es sich in einem Township abspielt. Die Reisegruppe durfte die Wellblechhäuser der Einheimischen betreten, ihr weniges Hab und Gut beäugen, sie sah, wie auf offener Straße Tiere geschlachtet wurden, durfte mit dem Medizinmann reden und schüttelte zahlreiche Kinderhände, für die die weiße Haut der Besucher etwas besonderes zu sein schien. Die Tränen blieben bei einem solch berührenden Erlebnis nicht aus – auch nicht, als ein Kind fragte, warum die Deutschen denn weinen, denn hier sei es doch so schön. Als Geschenk haben die Studenten den Kindern bunte Luftballons und Süßigkeiten mitgebracht und haben selten wegen einer solchen Kleinigkeit so strahlende Kinder­augen gesehen.

Back to Germany

Auf dem Nachhauseweg in Richtung Deutschland stellten die Teilnehmer der Studienfahrt schließlich fest: Südafrika ist anders. Völlig anders. Aber unheimlich schön.

von Lydia Mattes

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