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Philipp Hübl, “Folge dem weißen Kaninchen” (Rezension)

Posted By Torsten Haß On 26. April 2013 @ 10:52 In Rezension | No Comments

Verbreitet ist die These, Philosophen erfüllten keine gesellschaftliche Funktion. Dagegen verwahrt sich der 1975 geborene Jun.-Prof. Dr. Philipp Hübl [1] in seinem Buch Folge dem weißen Kaninchen, Untertitel … in die Welt der Philosophie. Heutige Philosophen, so Hübl, „arbeiten mit einem Wahrheits-Detektor, der Alarm schlägt bei den Worthülsen der Politik, der Propaganda der Werbung, den Klischees des Kinos und den Fehlschlüssen in Fernsehsendungen und Zeitungsberichten.“ Ferner sei Philosophie für jedermann nützlich. „Denn wer durch die philosophische Brille schaut, sieht Altbekanntes mit einem schärferen Blick. Die besten Entdeckungsreisen sind nicht die, bei denen man fremde Länder bereist, sondern die, bei denen  man die Welt mit anderen Augen sieht, wie es bei Marcel Proust [2] sinngemäß steht.“ Folge dem weißen Kaninchen soll „keine typische Einführung“ sein, „in der alle möglichen Positionen aufgelistet sind, sondern eine, in der die guten Argumente im Vordergrund stehen“, so Hübl. Nach eigenen Angaben versucht Hübl in dem mit Literaturhinweisen sowie Personen- und Sachregister ausgestattetem Buch, „vor allem originelle Denker zu Wort kommen zu lassen, sei es aus der Philosophie oder aus angrenzenden Disziplinen wie Psychologie, Soziologie, Anthropologie [3] und den Neurowissenschaften [4].“
Folge dem weißen Kaninchen wirkt dank Hübls ’Schreibe’ auf mich brillant, weitgehend überzeugend, vielleicht manchmal etwas großspurig in Hübls Behauptungen über die Analytische Philosophie [5], „die im Gegensatz zu anderen Strömungen besonders systematisch, genau und argumentativ arbeitet“, was wohl bedeutet, dass andere Strömungen unsystematisch, ungenau und unsachlich vor sich hin werkeln. Gut also, dass Hübl sich selbst der Analytischen Philosophie zuordnet. Auch sein Stil passt dazu. „Analytische Philosophen schreiben mit einem unsichtbaren Augenzwinkern: Sie nehmen die fachlichen Fragen sehr, sich selbst aber nicht so ernst. Sie kultivieren keinen individuellen Jargon, um sich sozial abzugrenzen […]. Sie fassen es als Stärke auf, angreifbar zu sein, statt sich durch Unverständlichkeit gegen Kritik zu immunisieren“, so Hübl. „In der Analytischen Philopshie gibt es keinen falschen Respekt vor Autoritäten. Bei einem guten Argument ist es ganz gleich, von wem es stammt: von Aristoteles [6], Bertrand Russell [7] oder einem Schüler aus der Oberstufe“. Die Folge sind respektlose Formulierungen, z.B. über Freud [8]: „ein leidenschaftlicher Kokain [9]ist, der einen ähnlichen Nasenhunger verspürte wie Diego Maradona [10] in seinen dunklen Zeiten.“

Das Buch stellt in den ersten beiden Kapiteln Fragen wie Wie entstehen Gefühle?, Kann man ohne Gefühle leben?, Wie erhalten Worte ihre Bedeutung? oder beschäftigt sich mit Pragmatik [11], der „Theorie der Sprachverwendung“. Das Dritte Kapitel widmet sich dann u.a. der Frage „Gibt es Gott?“ Hübl selbst ist bekennender Atheist, aber das macht nichts. „Mit einem Augenzwinkern schreibt Dawkins [12], dass eigentlich jeder Mensch Atheist sei. Auch der hingebungsvollste Katholik glaubt nicht an Baal [13], Apoll [14], Osiris [15] oder Odin [16]. Der langen Götterliste, so Dawkins, füge er selbst nur noch einen weiteren Eintrag hinzu: Gott.“ Lässig weist Hübl auf den Zusammenhang zwischen Magnetfeldern, dafür empfänglichen Schläfenlappen [17] und spirituell-mystischen Erfahrungen hin, thematisiert Gottesbeweise [18], wendet sich gegen Pantheismus [19] („eine Art Ehrfurcht vor oder Faszination gegenüber den unendlichen Weiten des Weltraums, aber kein echter Glaube“) und „ökumenische Lagerfeuerromantik. Brahman [20] ist nicht Wotan [16], Zeus [21] ist nicht Allah [22], und Jahwe [23] ist nicht Manitu [24].“ Im Vierten Kapitel dann stellt Hübl Fragen wie Haben Träume eine Funktion?, Wie genau sehen die Inhalte von Träumen aus?, Wie untersucht man Träume am besten? oder Welche biologische Funktion haben Träume? Keine, resümiert Hübl, „aber wir lernen von ihnen viel über die Funktionsweise unseres eigenen Geistes.“ Weitere Kapitel beschäftigen sich mit Fragen wie

  • Was ist schön? Warum ist uns Schönheit so wichtig? Wie reden wir über Schönheit? Was passiert in uns, wenn wir etwas schön finden? Gibt es ewige Schönheit? Welche evolutionäre Funktion hatte unser Schönheitssinn? Und: Was hat Kunst heutzutage eigentlich noch mit Schönheit zu tun? Was ist Kunst?
  • Wie erleben wir unseren Körper? Wie erfühle ich, wo sich mein Körper befindet? Und wie erfühle ich, wo er aufhört? Dazu hat Hübl einige nette Beispiele, z.B. die Gummihand-Illusion [25], die Aristoteles-Illusion [26],  das Alien-Hand-Syndrom [27], die Außerkörperliche Erfahrung [28], das Alice-im-Wunderland-Syndrom [29].
  • Was genau ist eigentlich ein Lebewesen? Was ist der Tod? Hat der Tod einen Sinn? Wie hängen Glück, Leben und Sinn zusammen?

„Dieses Buch ist eine Einführung in die moderne Philosophie. Zehn Kapitel geben klare Antworten auf große philosophische Fragen […]. Dabei steht jedes Kapitel für sich und ist unabhängig von den anderen verständlich“, schreibt Hübl in der Einleitung des Buches. Nicht ganz verständlich ist mir allerdings, warum ich gewisse Widersprüche zwischen den einzelnen Kapiteln zu entdecken meine. Das betrifft vor allem die Kapitel Handeln – Die Freiheit des Willens und Wissen – Die Umwege der Wahrheit, insbesondere im Hinblick auf das Kapitel Denken – Das Rätsel des Bewusstseins. Letzteres widmet sich u.a. der Frage Welche Aspekte hat Bewusstsein? Oder Kann man Bewusstsein wissenschaftlich erklären? „Drei der berühmtesten Gedankenexperimente zum Bewusstsein zielen auf die Frage, ob man das Erlebnisbewusstsein jemals naturwissenschaftlich erklären kann.“ Diese Gedankenexperimente „Mary [30], die Fledermäuse [31] und die Zombies [32] verdeutlichen, warum es sich [beim Erlebnisbewusstsein] um das größte Rätsel der Wissenschaft handelt, größer als das der schwarzen Löcher, als die Entstehung des Lebens auf der Erde oder die Vorgänge  in den ersten Sekunden nach dem Urknall“, haut Hübl kräftig auf den Putz. Laut Hübl „kann es kein Bewusstsein geben, ohne dass ein Gehirn existiert, von dem das Bewusstsein abhängt. Deshalb verändern sich Bewusstsein und Gehirn immer zusammen […]. Jeder bildliche Vorstellung, jede Körperempfindung wie Hunger oder Kitzeln, jedes Gefühl wie Wut oder Freude und jeder noch so verwegene Gedanke könnten als bewusster Zustand oder Prozess nur existieren, falls es auch eine entsprechende Grundlage im Gehirn gibt“ und man „keine obskuren Seelensubstanzen“ braucht. „Searle [33] will nicht bestreiten, dass man einen Roboter bauen kann, der Bewusstsein hat, schließlich sind wir Menschen biologisch gesehen auch komplexe Maschinen, nur eben aus Kohlenstoffverbindungen.“ Alles also ist geregelt von den biologischen Ereignissen im Kohlenstoffverbindungskomplex Menschliches Gehirn? Nur fast alles, wenn man einem relativ schwachen Kapitel in Hübls Buch glaubt: Handeln – Die Freiheit des Willens. In Handeln – Die Freiheit des Willens macht Hübl zügig klar, dass er wenig vom Laplaceschen Dämon [34] hält und Determinismus [35], der fatale Folgen zeitigt, wenn seine Verfechter richtig liegen sollten: „Freiheit wäre dann eine systematische und kolossale Illusion: Wir hielten uns für frei, auch wenn wir es nicht sind.“ Statt Determinismus, Libertarismus [36] oder Kompatibilismus [37] favorisiert Hübl anscheinend den Indeterminismus [38], bringt aber m.E. nicht recht rüber, was das ist und warum Indeterminismus zu favorisieren wäre. Stattdessen liest man vom Atheisten Hübl einen wirklich rührenden Satz: „Freiheit kann man aber nicht beweisen. Unsere Freiheit erleben wir jeden Tag. Die Beweislast liegt also immer beim Freiheitsfeind“. Ich finde, das reicht nicht, denn dann könnten fromme Menschen auf Hübls Drittes Kapitel wie folgt reagieren: Gott kann man nicht beweisen; wir erleben ihn jeden Tag, und die Beweislast liegt beim Atheisten.

Nun zum zweiten relativ schwachen Kapitel des Buches: Wissen – Die Umwege der Wahrheit. „Wir machen uns oft etwas vor und können deshalb unseren eigenen Geschmacksurteilen nicht trauen“, behauptet Hübl im Kapitel Genießen – Die Kunst der Schönheit. „All unsere Erlebnisse, Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen sind immer an uns gebunden, deshalb spricht man auch oft von der Subjektivität des Bewusstseins“, stellt Hübl ferner im Kapitel Denken – Das Rätsel des Bewusstseins fest. Resümee dieser Zitate: Wahrnehmung ist subjektiv. Weiter im Text. „Alle Menschen reden anders. [39] Wenn zwei ähnlich genug sprechen, kann man der Einfachheit halber sagen, sie sprechen beispielsweise ’Deutsch’, doch mehr lässt sich davon nicht ableiten“, heißt es im Kapitel Sprechen – Das Spiel mit Bedeutung, in dem Hübl ferner Davidson [40] paraphrasiert: „Aus der eigenen Sicht spricht jeder andere Mensch eine fremde Sprache“. Resümee dieser Zitate: Sprache ist subjektiv. Wenn aber einerseits Wahrnehmung subjektiv ist, andererseits Sprache subjektiv ist, was soll man dann mit folgendem Satz anfangen, den man in dem Kapitel Wissen – Die Umwege der Wahrheit liest: „Wahrheit ist objektiv, hängt also nicht von uns oder etwas anderem ab, sondern nur davon, wie die Welt beschaffen ist.“ Das mag ja sein, aber mit meiner subjektiven Wahrnehmung kann ich diese objektive Wahrheit nicht wahrnehmen, und selbst wenn ich es könnte, kann ich sie mit meiner subjektiven Sprache nicht ausdrücken. Was aber unterscheidet aus der Sicht des Menschen eine solche objektive Wahrheit dann noch von einer nicht vorhandenen? Nichts.

„Niemand strebt danach, Unwahres zu glauben oder unwissend zu bleiben“, heißt es in dem Kapitel Wissen – Die Umwege der Wahrheit. Leider tragen die beiden Kapitel Wissen – Die Umwege der Wahrheit und Handeln – Die Freiheit des Willens aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit zu anderen Buch-Kapiteln nicht zur Wahrheitsfindung bei. Ansonsten aber ziehe ich meinen Hut vor Hübls Folge dem weißen Kaninchen.

ISBN 978-3-499-62479-7 [41] ; EUR 11,99


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[1] Jun.-Prof. Dr. Philipp Hübl: http://www.philipphuebl.com/

[2] Marcel Proust: http://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Proust

[3] Anthropologie: http://de.wikipedia.org/wiki/Anthropologie

[4] Neurowissenschaften: http://de.wikipedia.org/wiki/Neurowissenschaften

[5] Analytische Philosophie: http://de.wikipedia.org/wiki/Analytische_Philosophie

[6] Aristoteles: http://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles

[7] Bertrand Russell: http://de.wikipedia.org/wiki/Bertrand_Russell

[8] Freud: http://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Freud

[9] Kokain: http://de.wikipedia.org/wiki/Kokain

[10] Diego Maradona: http://de.wikipedia.org/wiki/Diego_Maradona

[11] Pragmatik: http://de.wikipedia.org/wiki/Pragmatik_(Linguistik)

[12] Dawkins: http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Dawkins

[13] Baal: http://de.wikipedia.org/wiki/Baal_(Gottheit)

[14] Apoll: http://de.wikipedia.org/wiki/Apoll

[15] Osiris: http://de.wikipedia.org/wiki/Osiris

[16] Odin: http://de.wikipedia.org/wiki/Odin

[17] Schläfenlappen: http://de.wikipedia.org/wiki/Temporallappen

[18] Gottesbeweise: http://de.wikipedia.org/wiki/Gottesbeweis

[19] Pantheismus: http://de.wikipedia.org/wiki/Pantheismus

[20] Brahman: http://de.wikipedia.org/wiki/Brahma

[21] Zeus: http://de.wikipedia.org/wiki/Zeus

[22] Allah: http://de.wikipedia.org/wiki/Allah

[23] Jahwe: http://de.wikipedia.org/wiki/Jahwe

[24] Manitu: http://de.wikipedia.org/wiki/Manitu

[25] Gummihand-Illusion: http://www.focus.de/wissen/natur/wahrnehmung_aid_117715.html

[26] Aristoteles-Illusion: http://de.wikipedia.org/wiki/Aristotelische_T%C3%A4uschung

[27] Alien-Hand-Syndrom: http://de.wikipedia.org/wiki/Alien-Hand-Syndrom

[28] Außerkörperliche Erfahrung: http://de.wikipedia.org/wiki/Au%C3%9Ferk%C3%B6rperliche_Erfahrung

[29] Alice-im-Wunderland-Syndrom: http://de.wikipedia.org/wiki/Alice-im-Wunderland-Syndrom

[30] Mary: http://de.wikipedia.org/wiki/Mary_(Gedankenexperiment)

[31] die Fledermäuse: http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Nagel_(Philosoph)#Philosophie_des_Geistes

[32] die Zombies: http://de.wikipedia.org/wiki/Zombie#Zombie_in_der_Philosophie

[33] Searle: http://de.wikipedia.org/wiki/John_Searle

[34] Laplaceschen Dämon: http://de.wikipedia.org/wiki/Laplacescher_Dämon

[35] Determinismus: http://de.wikipedia.org/wiki/Determinismus

[36] Libertarismus: http://de.wikipedia.org/wiki/Libertarismus_(Philosophie_des_Geistes)

[37] Kompatibilismus: http://de.wikipedia.org/wiki/Kompatibilismus_und_Inkompatibilismus

[38] Indeterminismus: http://de.wikipedia.org/wiki/Indeterminismus

[39] Alle Menschen reden anders.: http://de.wikipedia.org/wiki/Idiolekt

[40] Davidson: http://de.wikipedia.org/wiki/Donald_Davidson

[41] Image: http://www.verwaltungmodern.de">

[42] Angaben aus der Verlagsmeldung: http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?id=3917083&prov=M&dok_var=1&dok_ext=htm

[43] Leseprobe (Inhaltsverzeichnis & Einleitung): http://www.rowohlt.de/fm/131/Huebl_Folge_dem_weissen_Kaninchen.pdf