Lass die Menschen den gehaltenen Ourang-outang besuchen … seine Intelligenz sehen … sein Verhalten sehen … seine Zuneigung sehen … und lasse es sie wagen, mit ihrer Vorrangstellung zu prahlen. Das schrieb Charles Darwin über den ersten englischen Zoo-Orang-Utan, und zwar im Jahre 1838, also lange bevor Darwin mit The Descent of Man die Idee lostrat, der Mensch stamme vom Affen ab. Zitiert wird Darwin in einem Buch, das vom Verlag National Geographic als „Standardwerk“ beworben wird und tatsächlich das Zeug dazu hat: Die Welt der Menschenaffen von Desmond Morris und Steve Parker. Ungewöhnlich für ein Standardwerk ist allerdings die reichhaltige Bebilderung: rund 250 Fotos, die über die Hälfte des Buches ausfüllen und die man zu einem erklecklichen Teil auch ohne Bildunterschrift instinktiv versteht. Unter diesen beeindruckenden Bildern befinden sich Porträts wie das eines Bonobo, der gedankenverloren an einem Zweig nuckelt wie ein Mensch an seiner Pfeife, oder das eines Gorillas, der mit seinen Gräsern im Mundwinkel wirkt wie ein grimmiger Türsteher, der cool einen Strohhalm im Mundwinkel kleben hat. Aber es befinden sich auch Sozialleben-Bilder darunter, beispielsweise
- mehrere Fotos, in denen ein Erwachsener ein sichtlich geborgenes Menschenaffen-Baby kuschelnd behütet
- junge Gorillamännchen, die mit halbstarkenartiger Eh-was-guckst-Du-Mimik und –Gestik ihren Altersgenossen entgegentreten
- Schimpansen auf Kriegszug, mit Steinen in der Hand und einer entschlossenen Miene, die sie wie Erste-Mai-Steinewerfer in Berlin-Kreuzberg erscheinen lassen
Ehe ich nun aber schwärmerisch noch mehr Fotos beschreibe, widme ich mich lieber dem Inhalt des Buches, das im Anhang mit einem annotierten Verzeichnis von Natur- und Tierschutzorganisationen, einem Bildnachweis und einem Register aufwartet. Das Erste Kapitel mit dem Titel Der Ursprung der Menschenaffen beschäftigt sich mit Definition, Evolution und Lebensraum der Menschenaffen, die sich „von Südamerika über Afrika bis nach Asien [...] verbreiten – wenn man menschliche Primaten einschließt, ist das Verbreitungsgebiet ein globales.“ (Wer sich an dieser Stelle durch die Phrase „menschliche Primaten“ in seinem Selbstwertgefühl angegriffen fühlt, sollte übrigens lieber die Finger von diesem Buch lassen, das gerne von nicht-menschlichen Menschenaffen im Gegensatz zum Menschen redet, der an einer Stelle sogar als „der urbane Menschenaffe“ bezeichnet wird.)
Das Zweite Kapitel bietet unter dem Titel Familienporträts Steckbriefe mit Verbreitungsgebiet, Bevölkerungszahl, Gefährdungsstatus sowie den wichtigsten Eigenschaften der sechs Menschenaffen-Arten: dem introvertierten Borneo- und Sumatra-Orang-Utan (ein „Schwergewichtsringer auf dem Hochtrapez“), dem schweigsamen Westlichen und dem Berg-Gorilla („sicher der sanfteste, freundlichste und beherrschteste von allen Menschenaffen“), dem geselligen Schimpansen („das am höchsten entwickelte Tier auf diesem Planeten – mit Ausnahme unserer eigenen Art“) sowie dem Bonobo, dem „menschlichsten unserer Menschenaffenverwandten“, weil er 25 Prozent jener Zeit aufrecht geht, in der er sich auf dem Boden bewegt. „Der friedliche, erotisch getönte Lebensstil des Bonobos lässt Schimpansen als Horde rüpelhafter Hooligans erscheinen“, konstatieren die Autoren über diesen kleinsten der Großen Menschenaffen. „Die nahen Verwandten der Großen Menschenaffen, die Kleinen Menschenaffen oder Gibbons, einige bunte und faszinierende Vertreter der Alt- und Neuweltaffen sowie die Halbaffen werden am Ende des Kapitels vorgestellt.“
Das Dritte Kapitel Von Menschenaffen und Menschen hält es aufgrund der Ähnlichkeit der DNA-Sequenzen zwischen nicht-menschlichen und urbanen Menschenaffen unter anderem für „kaum vertretbar, die menschliche Art jemals wieder als mystische, vom Rest der Natur unabhängige ’spezielle Schöpfung’ anzusehen.“ Ferner wirft dieses Kapitel einen Blick auf die berühmtesten „sagenhaften Menschenaffen“ (Yeti, Bigfoot, Orang-Pendek) sowie auf die 22 bekannten ausgestorbenen Menschenarten. „Nicht alle ausgestorbenen Menschenarten waren unsere direkten Vorfahren. Viele, auch nahe Verwandte, bildeten eigene Äste des menschlichen Stammbaumes, die letztlich im Nichts mündeten.“ Ein beachtlicher Teil des Kapitels widmet sich der Intelligenz der nicht-menschlichen Menschenaffen (beispielsweise einigen Studien, in denen Schimpansen besser abgeschnitten haben als erwachsene Menschen) oder der Sprache der nicht-menschlichen Menschenaffen. Eher bekannt sind dabei die Sprach-Experimente mit der Schimpansin Washoe, dem Gorilla-Weibchen Koko, dem Orang-Utan-Männchen Chantek oder dem Bonobo Kanzi. Weniger bekannt: „Im Jahr 2006 fanden Feldforscher in Nigeria Hinweise auf eine syntaxähnliche natürliche Kommunikation in den Rufen wilder Meerkatzen (Cercopithecus). Und was für Meerkatzen möglich ist, ist für Menschenaffen ein Leichtes.“
Im Vierten Kapitel Körperbau der Menschenaffen widmen sich Morris und Parker den Menschenaffen-Körperformen, „die sich klar von denen anderer Säugetiere [...] unterscheiden. Trotz der Ähnlichkeit werden aber auch die Unterschiede offenbar, vor allem die relativen Proportionen von Kopf, Körper, Armen und Beinen sowie die Formen von Nase, Brauen, Kinn und anderen Gesichtsmerkmalen. Vergleichen wir zudem Muskeln, Skelett, Eingeweide, Gehirn und andere Organe der wilden Menschenaffen mit unseren eigenen, festigt sich der Eindruck, dass wir alle Variationen des gleichen Themas sind. Im Hinblick auf den Körperbau sind sich alle Menschenaffen sehr ähnlich.“
Ähnlichkeiten zwischen nicht-menschlichen und urbanen Menschenaffen offenbart auch das Fünfte Kapitel Ernährung, in dem es nicht nur um Nahrung im engeren Sinne geht, sondern auch um das Gebiss, die Jagd, den früher nur für Menschen möglich gehaltenen Werkzeuggebrauch sowie „bewusstes vorausschauendes Planen. Eine andere Fähigkeit, die wir Menschen einst irrtümlich für uns allein beansprucht haben.“
Desillusionierend für manchen urbanen Menschenaffen, der sich selbst für die Krone der Schöpfung hält, könnte auch das Sechste Kapitel sein. Es widmet sich der Menschenaffen-Kommunikation: durch Gerüche, durch Körperkontakt („von Klapsen und Tritten hin zum Kuscheln und Streicheln“) oder non-verbal, wobei die Mimik der Affen laut den Ergebnissen des ChimpFACS-Projektes „wesentlich subtiler ist, als bisher bekannt war.“ Und wie schon im Dritten Kapitel deutlich wurde, besteht sogar die Möglichkeit zu einer Art verbalen Kommunikation, sogar in verschiedenen Dialekten: den unterschiedlichen Keuchschrei-Rufen der Schimpansen unterschiedlicher Regionen.
Im Siebenten Kapitel Sozialleben geht es um die Familie, gruppendynamische Prozesse, altruistisches Verhalten, Alphatier- und Revierdenken, Revierverteidigung und Krieg – alles Dinge, in denen sich nicht-menschliche Menschenaffen sich von uns urbanen Menschenaffen nicht unterscheiden. Einen Unterschied zwischen uns und ’denen’ findet man allerdings in diesem Kapitel, und der ist ziemlich erstaunlich: „Der große Unterschied zwischen dem Spiel der Menschenaffen in freier Natur und dem der Menschen ist, dass die meisten Affen als erwachsene Tiere deutlich weniger verspielt sind. Viele Menschen dagegen spielen ihr Leben lang. Diese Eigenschaft war und ist das Geheimnis unseres Erfolges. Sie hat Innovation und Erfindungen ermöglicht, die uns als die am höchsten entwickelte Spezies der Erde ausweisen.“
Im Achten Kapitel Sexualität und Fortpflanzung geht es dann um Mono- und Polygamie, Pubertät und Balz, Paarung, Schwangerschaft und Geburt. Auch hier läuft vieles menschenähnlich ab, bis hin zur Schwangerschaftsübelkeit: „Bei Gorillas hat man Anzeichen für generelle Übelkeit und Erbrechen sowie morgendliche Übelkeit beobachtet.“ Das Neunte Kapitel Lebensphasen beschäftigt sich mit „Stadien im Erwerb motorischer und kognitiver Fähigkeiten“ von der Wiege bis zur Bahre und macht deutlich, wie entscheidend die ersten Lebensmonate für alle Menschenaffen sind. „Man konnte sogar beobachten, dass neun Monate alte Schimpansen, die sehr viel mütterliche Zuwendung bekamen, neun Monate alte Menschenbabys, um die man sich wenig kümmerte, in ihrer Entwicklung überholten.“
Ehe das letzte Kapitel sich mit Schutzbemühungen abgibt, widmet sich das vorletzte Kapitel der Gefährdung. „Die Weltnaturschutzunion (IUCN) stuft alle Großen Menschenaffen als stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht ein. Das Risiko ist groß, dass sie in naher Zukunft in freier Natur aussterben werden. Die Rückgänge der Populationen sind erschreckend und die Prognosen beängstigend. Aufgrund niedriger Geburtenraten erholen sich die Bestände zudem nach Einbrüchen nur langsam. Die Gründe für diese traurige Entwicklung sind vor allem menschliche Gier und Rücksichtslosigkeit: Lebensraumzerstörung, Ansteckung mit Krankheiten, Jagd, Wilderei und Kriege in den Verbreitungsgebieten dezimieren unsere nächsten Verwandten besorgniserregend schnell.“ Die Bedrohung durch den menschgemachten Klimawandel kommt hinzu. Noch leben laut Morris/Parker etwa 150000 Schimpansen, 120000 Gorillas, 37000 Orang-Utans und 20000 Bonobos. Über rund 6,9 Milliarden Exemplare verfügt dagegen „der nackte Affe – das Tier, das üblicherweise als Mensch bezeichnet wird“, so bereits die Einleitung des Buches. „Viele Arten können ihre Vermehrung einschränken, so dass ihre Population stabil bleibt und nicht zu groß für ihre Ressourcen wird. Die nackten Affen scheinen nicht zu ihnen zu gehören. Ihre Anzahl steigt beständig“.Â
ISBN 978-3-86690-162-9; EUR 39.95


(10 Bewertungen, Durchschnitt: 3.90 von 5)



