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Martin Betschart, “Ich weiß wie du tickst” (Rezension)

Au backe!, dachte ich beim ersten Durchblättern dieses Buches mit Blick auf einen Großteil der insgesamt 24 Illustrationen. Das Buch heißt Ich weiß wie du tickst. Und Au backe dachte ich deswegen, weil ich beim Durchblättern den Eindruck gewann, der Autor Martin Betschart meine ernsthaft, vom Äußeren auf den Charakter eines Menschen schließen zu können. Eine solch oberflächliche Lebensphilosophie erwarte ich normalerweise bestenfalls von pubertierenden Jugendlichen, Nazis (Unterfütterung des Eugenik-Programms durch physiognomische und phrenologische Theorien) oder Theater-Caesaren (Lasst dicke Männer um mich sein), also von einer doch etwas schillernden Gesellschaft.
Ganz au backe war das Betschart-Buch über Menschenkenntnis dann allerdings doch nicht. Über weite Strecken geht es im Betschart-Buch um das Drei-Hirne-Modell (DHM) zur Charaktertypisierung, das „auf einer Typologie von insgesamt nur sieben Typen basiert, nämlich drei Haupttypen und vier ’Misch’-Typen.“ DHM ist laut Betschart ein „Modell, das uns hilft, uns in der unüberschaubaren Menge an möglichen Eigenarten anderer zuverlässig zu orientieren.“ Oder zumindest großteils zuverlässig. Denn das Modell soll „nach dem Pareto-Prinzip funktionieren: mit nur 20 Prozent Aufwand eine Trefferquote von 80 Prozent in der Einschätzung von Menschen erreichen.“

Nach einem einführenden Ersten Kapitel lernt man in Kapitel 2 das DHM in seinen Grundzügen kennen. Und zwar zunächst mit einem Blick ins menschliche Gehirn und dessen Aufbau: Stammhirn, Zwischenhirn, Großhirn. „MacLean stellte fest, dass bei jedem Menschen einer der drei Hirnbereiche dominiert.“ Die DHM-Charaktertypisierung basiert auf der „Dominanz“ jenes einen Hirnbereichs und „ist vollkommen wertfrei und unvoreingenommen zu sehen, das heißt, kein Typ ist ’gut’ oder ’schlecht’, ’positiv’ oder ’negativ’ zu sehen, denn jeder Typ hat genauso viele vorteilhafte Eigenschaften wie nachteilige. Als neutrale Bezeichnungen der Typen werden Farben verwendet“, nämlich grün, rot und blau. Die Merkmale dieser drei Haupttypen und ihrer vier Mischformen werden anschließend vorgestellt. Falls man der Verführung widersteht, sich schon anhand dieser Merkmale einem Typ zuzuordnen, kann man die Zuordnung am Kapitel-Ende anhand einer netten kleinen Checkliste Selbsteinschätzung des eigenen Typs vornehmen. Um mich zu outen: Laut Ergebnis bin ich ein blaudominanter Charakter mit rotem Sekundärtyp, also violett. Wie chic. Aber nicht wirklich überraschend für mich und die, die mich kennen.
Im folgenden Kapitel 3 dann „bekommen Sie die Gelegenheit, Ihre Mitmenschen an ihrem Ticken zu erkennen und den Blick für ihre unterschiedlichen Verhaltensweisen zu schärfen und weiter zu verfeinern. Wir werden uns eine ganze Reihe verschiedener Situationen und Lebensbereiche anschauen. Das Typische lässt sich überall erkennen, und zwar in sämtlichen Lebensbereichen: von der Partnerschaft, über die Kindererziehung, den Beruf und die Wahl des Arbeitsplatzes – bis zu den ganz alltäglichen und scheinbar nebensächlichen Kleinigkeiten wie dem Einkauf oder der Parkplatzsuche. Sie haben in diesem Kapitel die Möglichkeit, das Verhalten der Typen genauer zu studieren, und zu lernen, die Welt auch ein wenig mit den Augen der anderen Typen zu sehen.“

Es folgt dasjenige Kapitel, das mich beim Durchblättern zu meinem Au backe veranlasste. Denn in ihm wird aus mir schleierhaften Gründen das DHM um Sheldons Charaktertypisierungs-Modell ergänzt, dem zufolge man verschiedene Charaktertypen „auch nach ihrer äußeren Erscheinung, ihrem Körperbau, zu klassifizieren“ vermag. „Sie erfahren, wie Sie die Typen an ihrem Aussehen erkennen können und haben die Gelegenheit, Ihre Treffsicherheit anhand von Fotos ganz unterschiedlicher Menschen zu überprüfen.“ Man soll also tatsächlich den Charakter erkennen anhand von Dingen wie „Gesicht, Köperproportionen, Hände und Handgelenke, Haltung und Bewegung“? Haltung und Bewegung, also Körpersprache, mag ja noch was über den Charakter ausdrücken – aber der Rest? Ich halte einen solchen Aufruf zur Oberflächlichkeit für gefährlich, zumindest aber für wenig hilfreich. Dazu reicht ein Blick auf Betscharts „Zuordnung zwischen Sheldons Modell (Körperform) und MacLeans Modell (drei Hirne):

Im Charaktertyp bin ich laut Selbsttest/-einschätzung (Kapitel 2) eindeutig blaudominant mit einer Rotkomponente, im Körpertyp rotdominant mit einer Grünkomponente. Was soll ich mit dieser Beobachtung anfangen – oder jemand, der mich aufgrund meines Körperbaus beurteilt? Besser doch wohl: nichts. Wenigstens schränkt Betschart noch selbst ein: „Auch diese Typ-Einteilung von Sheldon bitte ich Sie nicht als ’letztgültige Wahrheit’ zu betrachten, sondern als Modell, das ähnlich wie das Drei-Hirne-Modell praktische Menschenkenntnis im Alltag ermöglicht und einen ’Wahrheitsgehalt’ von etwa 70 bis 80 Prozent aufweist.“ Na ja…

Das Fünfte Kapitel kommt glücklicherweise wieder auf das Drei-Hirne-Modell (DHM) zurück und blickt auf  „typische Situationen in Alltag und Beruf“, in denen man seine frisch erworbene DHM-Typisierung anwenden kann und es um Motivation geht: Was motiviert welchen Charaktertyp? Und was ist bei bestimmten Charaktertypen als Motivationstechnik ein Griff ins Klo? „Wie man als Verkäufer geschickt vorgehen kann, alle Typen mit den richtigen Worten anspricht und damit auch seine Erfolgsquote deutlich erhöht“ lernt man in diesem Kapitel folglich ebenso wie erfolgreiches Verhalten in anderen zwischenmenschlichen Situationen (Partnerschaft, Kindererziehung, Umgang mit Mitarbeitern und Chefs, Stellenbesetzungen).
Falls man erfolgreiches Verhalten schon nicht lernt, lernt man in dem Buch wenigstens, wie man „Verliererstrategien“ vermeidet. Und zwar im letzten Kapitel. Mit „Verliererstrategien“ (schädlichen Verhaltens- und Kommunikationsmustern) „macht man sich selbst und seinen Mitmenschen das Leben unnötig schwer und boykottiert seinen eigenen Erfolg“, so Betschart. „Leider beherrschen wir diese Muster, weil wir sie meist durch schlechte ’Vorbilder’ erlernt haben: Sie sind im allgemeinen Massendenken der Menschheit verhaftet, und oft haben wir sie einfach durch Beobachtung anderer übernommen, ohne weiter darüber nachzudenken.“ Zu den Verliererstrategien bei der Kommunikation gehören die Verwendung von Gefahrenwörtern und –phrasen ebenso wie Schuldzuweisungen, Vorwürfe und Nörgeleien. Hinzu kommen Beurteilungsfehler wie dem Halo-Effekt: „Ein bestimmtes Merkmal, das am anderen richtig wahrgenommen wurde, überstrahlt alles Übrige und führt zu einem undifferenzierten Pauschalurteil.“

Huch. Beinahe also hätte der Halo-Effekt des unseligen Vierten Kapitels ein wahrlich vernichtendes Pauschalurteil über das ganze Buch zur Folge gehabt. Glücklicherweise jedoch legte ich das Buch nicht beiseite. Denn schließlich kam das Rezensionsexemplar auf meine Initiative vom Verlag, und es siegte das Pflichtgefühl (wahrscheinlich ein typisch blaudominanter Charakterzug). Und ich muss sagen: trotz gruseliger Tendenzen v.a. im Vierten Kapitel ist Bescharts Ich weiß wie du tickst ein stellenweise möglicherweise hilfreiches Buch. Ob es, wie Betschart selbst meint „ein großer Gewinn“ wäre, „das Drei-Hirne-Modell über die Fachwelt hinaus zu verbreiten“, weiß ich allerdings nicht. Ein großer Gewinn – und viel einfacher – sind jedoch drei Grundgedanken des Buchs. Erstens ruft Betschart im Umgang mit seinen Mitmenschen generell zur heiteren Gelassenheit auf. Zweitens betont Betschart, „wie wichtig es ist, authentisch zu sein bzw. zu werden und sich nicht fremdbestimmen zu lassen.“ Und drittens setzt sich Betschart dafür ein, die eigene Sicht auf die Welt nicht für die allein seligmachende Sicht zu halten. Stattdessen solle man tolerant sein und seine Menschen samt ihrer Andersartigkeit und Verschiedenheit so nehmen, wie sie sind. „Wir verbringen gerne viel Zeit damit, unsere Mitmenschen ändern zu wollen: Wir erteilen Ratschläge, um die der andere nicht gebeten hat, die er nicht hören will und die er – natürlich – auch nicht beherzigt. Wir verwenden gerne auch viel Energie darauf, Recht haben zu wollen mit dem, was wir behaupten oder vom anderen verlangen. Das läuft im Grunde auf die Aussage hinaus: ’Es gibt zwei Meinungen – meine und die falsche.’“ Stattdessen solle gelten: „Jeder Mensch hat grundsätzlich Recht, allerdings aus seiner eigenen Perspektive.“

ISBN 978-3-423-34739-6 ; EUR 9,90


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