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Was passiert in der öffentlichen Verwaltung?

Jürgen Braters „Lexikon der verblüffenden Erkenntnisse“ (Rezension)

Anfang dieses Jahres forderte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Senioren-Union etwas, das schon oft gefordert wurde: höhere Krankenkassenbeiträge für Risikogruppen, beispielsweise Raucher. Eine Forderung, die zeigt: Man kann in der Politik schön Karriere machen, ohne von Kompetenz angekränkelt zu  sein. Tatsächlich nämlich werden die Krankenkassen durch Tabakkonsum und den damit verbundenen früheren Tod des Tabakkonsumenten entlastet. Diese und andere oft erstaunliche Erkenntnisse und Erscheinungen versammelt Dr. Jürgen Brater in seinem locker-flockig dahergeschriebenen Wissen-Panoptikum Lexikon der verblüffenden Erkenntnisse. Leider trägt das Buch den falschen Untertitel Nie Gehörtes aus Medizin, Biologie und Sport. Denn erstens gibt es auch Einträge aus anderen Wissensgebieten als Medizin, Biologie und Sport. Und zweitens könnte man je nach Vorwissen durchaus von dem einen oder anderen Phänomen gehört haben, beispielsweise davon, dass Süßstoff dick macht (Lexikon-Rubrik Abnehmen), dass Rekord-Temperaturschwankungen in Russland zu finden sind (Lexikon-Rubrik Erde und Weltall) oder dass manche Menschen Synästheten sind (Lexikon-Rubrik Sinnesorgane).

Wo gerade von Rubriken die Rede ist: Das Lexikon ist alphabetisch sortiert nach 32 Rubriken, von A wie Abnehmen bis Z wie Zwillinge. Innerhalb der Rubriken gibt es unsortierte Untereinträge, bei Abnehmen beispielsweise über das Prinzip Trainingspausen machen schlank, bei Zwillinge über das Phänomen der eineinhalbeiigen Zwillinge. Und damit wäre ich bei dem, was ich an dem Buch zu bemängeln habe: Zwar verfügt es über ein Quellenverzeichnis und besagte Lexikon-Rubriken, aber über kein Register. Und das ist schlecht – wie immer, wenn man etwas lediglich dadurch sachlich erschließt, dass man es grob in Schubladen/Rubriken stopft. Beispielsweise würde

  • der Lexikoneintrag über ihr Geschlecht wechselnde Fische genauso gut in die Rubrik Fische passen (wo er sich befindet) wie in die Rubrik Geschlecht (wo er sich nicht befindet)
  • der Lexikoneintrag über eine Fischart, bei der sämtliche Tiere Weibchen sind, ebenso gut in die Rubrik Fische passen (wo er sich nicht befindet) wie in die Rubrik Geschlecht (wo er sich befindet)
  • der Lexikoneintrag über ein wirklich sehr hartgesottenes Bakterium ebenso gut in die Rubrik Bakterien passen (wo er sich nicht befindet) wie in die Rubrik Radioaktivität (wo er sich befindet)

Vom Register-Mangel abgesehen gibt es an dem Buch wirklich nichts auszusetzen. Besonders gefallen hat mir die Lexikon-Rubrik Tiere mit Lexikoneinträgen über die Seewespe (ihr fallen „mehr Menschen zum Opfer als Haien, Krokodilen und Schlangen zusammengenommen“), gefährliche Klapperschlangen-Zombies oder Spinnen-Balooning. Ebenfalls schön schräg und ganz nach meinem Geschmack: die Rubrik Essen. Hier erfährt man z.B. etwas über die Steakzubereitung beim Saunieren („Verhältnisse wie beim Niedertemperatur-Schongaren“) und kann übrigens froh sein, dass beim geschlechtergetrennten Human-Saunieren nur zwei Geschlechter getrennt werden müssen. Denn bei einer Schleimpilz-Art „lassen sich tatsächlich nicht nur männliche und weibliche Individuen, sondern nicht weniger als elf Zwischenstufen unterscheiden“ (Rubrik Geschlecht), was eine entsprechende Aufstockung von Schleimpilz-Saunakabinen erfordern würde. Übrigens: Wieso befindet sich der entsprechende Schleimpilz-Lexikoneintrag in der Rubrik Geschlecht, nicht in der Rubrik Pilze, die sich z.B. mit dem größten Pilz Europas beschäftigt? Aber vom schmerzlich vermissetn Register war ja schon die Rede…

Statt eines Registers verfügt das Buch über 41 mehr oder minder amüsante Wenn/Dann-Kästen mit Szenarien wie diesen:

  • Wenn Sie wollen, dass die Angestellte im Supermarkt die Stirn runzelt, … fragen Sie sie doch einmal, wo der zuckerfreie Traubenzucker zu finden ist. (Rubrik Essen)
  • Wenn Sie eine Wette gewinnen wollen, … wetten Sie mit einer Hausfrau, dass Gefrorenes umso schneller verdirbt, je kälter der Gefrierschrank steht (Rubrik Gefrorenes)
  • Wenn Sie Ihre Heizkosten dauerhaft senken wollen, … kaufen Sie statt Öl und Gas besser orange Wandfarbe (Rubrik Temperatur)

Alles in allem ist Braters Lexikon der verblüffenden Erkenntnisse ein wirklich schönes Sammelsurium: Lauter netter Kleinkram beispielsweise zum Thema VW zieht Jumbojet (Rubrik Fahr- und Flugzeuge), zum Mpemba-Effekt (Rubrik Gefrorenes), über den Geruchskiller Edelstahl (sogar in Form von Edelstahl-Lutschern; Rubrik Haushalt), über menschliche Harnproduktion (rund 170 Liter Primärharn täglich; Rubrik Körper), über eine Kannenpflanze, die als einzige Pflanze auf der Welt „in der Lage ist, Säugetiere zu vertilgen“ (Rubrik Pflanzen), über den Zahnpasta-Antrieb für Modellboote (Rubrik Schiffe und Boote), über männliche Schwangerschaften (Rubrik Schwangerschaft und Geburt), über den Sexprotz Stabheuschrecke, dessen Sexualakt zehn 10 Wochen dauert (Rubrik Sexualität), über die Bierbrau-Fähigkeit von Waschmaschinen (wenn auch erst nach Umbau; Rubrik Trinken), über die Frage, warum Zähneputzen das Risiko eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls senkt (Rubrik Zähne) und nicht zuletzt über die medizinisch wertvolle Madentherapie, nämlich in der Rubrik Krankheit und Leid, die der eingangs auftauchende hochkompetente stellvertretende Bundesvorsitzende der Senioren-Union zu meinem Leidwesen nicht gelesen zu haben scheint. Denn hier, in der Rubrik Krankheit und Leid, taucht auch der Lexikoneintrag über das krankenkassenverträgliche Frühableben von Rauchern auf. A propos: Wenn man auf die Idee kommt, die Krankenkassenbeiträge für Raucher zu senken, könnte man Lightzigaretten-Raucher besonders begünstigen. Denn  Light-Zigaretten sind giftiger als normale (Rubrik Gift).

Vielleicht sollte ich abschließend noch anmerken: Ich bin kein Raucher ;-)

ISBN 978-3-596-18432-3; EUR 8.95


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