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Judyth McLeods „Atlas der legendären Länder“ (Rezension)

„Dieses Buch erzählt die faszinierende Geschichte der Welt, wie sie nie war, aber wie die Kartenzeichner von einst sie sich ausmalten.“ Unter anderem mit diesen Worten beginnt die Ex-UWS-Dozentin Dr. Judyth McLeod ihr Buch Atlas der legendären Länder über mythische und sagenhafte Lokalitäten, buchstäblich fabelhafte Welten & Wesen und das Unbekannte als Heimatland der Glückseligkeits- und Alpträume. „Die Sehnsucht des Menschen, das Unbekannte mit mehr oder weniger wahrscheinlichen Fantasievorstellungen zu erklären, hatte in den frühen Weltkarten zur Folge, dass sich dort noch zahlreiche mythische Orte fanden.

Denn die Weiterentwicklung der mathematischen und technologischen Grundlagen der Kartographie schritt nur sehr langsam voran“, so McLeod in diesem National-Geographic-Bildband. Mängel in Technik und Methodik, Trugbilder, Verzerrungen des tatsächlich Vorhandenen, Ungenauigkeiten, Irrtümer, teils absichtliche Fehlinformationen, Hörensagen und Gerüchte – all das hatte Auswirkungen auf die Gestaltung von Karten, in denen weiße Flecken mehr oder weniger plausibel gefüllt wurden. Und zwar solange, bis die „großen Entdeckungsreisen des 19. Jahrhunderts die letzten weißen Flecken auf der Weltkarte tilgten“. Zumindest für den europäischen Kulturkreis verschwanden diese weißen Flecke. Und damit sind wir schon beim einzigen, was man neben einigen ausufernden Spekulationen kritisieren könnte an McLeods Buch: Es hat ziemlich viel mit Entdeckung und Kartierung der Welt durch die Europäer bzw. den europäischen Kulturkreis zu tun: Als einziges mythisches Land außerhalb des europäischen Denkens führt McLeod das mythische Maori-Ursprungsland Hawaiki an. Wenn man eine solche Fokussierung auf abendländische Legenden hinnehmen mag, wird man mit legendären Ländern und Orten in McLeods Buch allerdings mehr als gut bedient.

Anders als McLeod wähle ich für diese Rezension eine Sortierung nach Regionen. Oder auch nicht, denn let’s start big: McLeod führt als legendäres ’Land’ einmal den ganzen Erdball bzw. dessen ’Untergeschoss’ an (Theorie der hohlen Erde) und außerdem zwei im 19. Jahrhundert postulierte Phantom-Kontinente: Lemuria und Mu. Einer einzelnen Region nicht recht zugeordnet wird in McLeods Buch außerdem die Hölle (z.B. mit dem potentiellen Hades-Eingang Lago d’Averno) oder der Jungbrunnen. „Die Suche nach dem Jungbrunnen wurde bis zum Ende des Zeitalters der Entdeckungen mit Eifer fortgesetzt. Immer wieder tauchten verschiedenste Berichte über vermeintliche Orte mit der Quelle auf.“ Nehmen Sie nun den Jungbrunnen und vermengen sie ihn mit dem Gegenteil der Hölle, was haben Sie dann? Genau. Das Paradies. So wie heute noch durch manchen china-seligen deutschen Unternehmer wurde das Paradies von unseren Altvorderen „meist an einem unbestimmten Ort im Osten angesiedelt, manchmal auch auf einem sehr hohen Berg, damit es die Sintflut überstehen konnte“, so McLeod. Als Asien immer besser erforscht war, brachte man das Paradies vorübergehend dann dort unter, wo afrika-selige chinesische Rohstoff-Einkäufer es heute wieder sehen: auf dem Afrikanischen Kontinent. Damit teilt das Paradies übrigens die kartographische Wanderlust des legendären Reiches des Priester Johannes, dem McLeod sich ebenfalls widmet. „Die Suche nach diesem sagenhaften Reich und seinen Wunderdingen hielt […] bis ins 17. Jahrhundert an“, war aber leider vergeblich.

McLeod thematisiert in ihrem Buch – um in Afrika zu bleiben – ferner unter anderem die seit Ptolemäus legendären Mondberge und der Quelle des Nils, die die Kartographen lange zu wilden Fantasien veranlassten. Wild und ebenso fantastisch war – um nach Asien zu wechseln – das Land der sagenhaften Völker Gog und Magog. „Es scheint, dass Gog und Magog mit der Zeit zum Synonym für eine Vielzahl kriegerischer und barbarischer Invasoren wurden“ aus dem wilden Osten. Weniger wild, dafür als Projektionsfläche für europäische Tagträume geeignet: Taprobane, das heutige Sri Lanka, das laut McLeod in besagten europäischen Tagträumen und Geschichtchen „den Vorstellungen eines demokratischen Utopia sehr nahe zu kommen“ schien: „Wenn auch nur einige dieser Geschichten stimmten, war das alte Sri Lanka eines der perfektesten Königreiche“, so MacLeod: „Taprobane wurde deshalb als wahres Paradies angesehen, ein Märchenkönigreich und ein Ort der Wunder.“
Das Wort Märchenkönigreich gibt mir eine Steilvorlage, nach Europa zu wechseln. An legendären europäischen Ländern hat McLeods Buch neben König Artus’ Märchenkönigreich (Stichworte: Avalon und Camelot) beispielsweise noch das romantische Land Lyonesse zu bieten, das man als Deutscher mutmaßlich eher nicht kennt. In England dagegen „ist die Legende über dieses versunkene Land immer noch sehr verbreitet“, behauptet MacLeod. Als Deutscher eher kennen tut man das von McLeod thematisierte Helden-Jenseits Wallhall, und wenn die Iren und Griechen brav sind, landen sie trotz Euro-Rettungsschirm vielleicht mal in den von McLeod vorgestellten örtlichen Walhall-Versionen Mag Mell oder Elysion. Sollten die Griechen nicht brav sein, werden die Wahren Finnen sie dagegen höchstpersönlich vielleicht in das utopische Nordland Hyperborea der griechischen Sagenwelt verschleppen, ein Land, das noch ziemlich lange nach dem Ende des antiken Griechenlands als womöglich existierend angenommen wurde, z.B. vom Kartographen Abraham Ortelius.

Von Hyperborea ist es nicht weit bis zur Arktis, in der sich der sagenhafte arktische Magnetberg („verantwortlich für das Magnetfeld der Erde“) verorten lässt. Wechselt man dagegen zu den legendären Ländern auf der Südhalbkugel, gibt’s laut älteren Karten einen enormen Südkontinent zu verzeichnen: die Terra Australis, ein riesiger Klumpatsch aus Antarktis und Australien. Das legendäre Land Terra Australis war laut McLeod „als Idee bereits vorhanden, lange bevor es Realität wurde. Bereits der antike Philosoph Aristoteles vermutete ein Land auf der Unterseite der Weltkugel als Gegengewicht zu den Kontinenten der Nordhalbkugel.“ Das heutige Australien erhielt seinen Namen erst 1824 (Copyright, wenn’s das denn gegeben hätte: Matthew Flinders), war aber in der Folgegeneration noch immer nicht von unfreiwillig komischen Kartographen-Ideen sicher, z.B. Maslens Australischem Inlands-See.

„Von allen Orten in diesem Buch ist keiner umstrittener und wurde mehr diskutiert als Atlantis“, meint McLeod über ein sagenhaftes Land, dessen Name die gleiche Wurzel hat wie der Atlantische Ozean: „Die Erforschung der Legende von Atlantis ist noch nicht abgeschlossen, und fast scheint es, als sei jeder erdenkliche Ort auf diesem Planeten bereits als mögliches Atlantis infrage gekommen.“ Einige dieser Orte werden selbstverständlich diskutiert. Nicht ganz so thesenreich wie im Falle Atlantis’ geht es bei zahlreichen anderen Phantom-Ländern und -Inseln zu, die unsere Altvorderen im Atlantischen Ozean untergebracht haben und denen McLeod sich widmet. Am üppigsten spekulieren lässt sich noch über die Sankt-Brendans-Inseln, den dazugehörigen Mythos und dessen Einfluss auf die These einer angeblichen achten Kanaren-Insel (San Borondón), über deren Existenz schubweise bis ins 18. Jahrhundert hinein spekuliert wurde. Einen ähnlichen im Atlantischen Ozean angesiedelten Mythos bieten die Heilige Ursula und die 11000 Jungfrauen, die laut Legende ebenfalls auf dem Atlantik rumschipperten. „Obwohl Ursula und ihre Gefährtinnen zweifellos niemals den Atlantik überquerten, wurden trotzdem nicht nur eine, sondern sogar zwei Inselgruppen vor Amerika nach ihnen benannt“, nämlich vor Kanada (vorübergehend) und in der Karibik (dauerhaft). Weitere Phantominseln in McLeods Buch sind z.B. die Brasil-Insel („verschwand erst in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts“), Pepys Island (eine „Legende, der sogar James Cook auf den Leim ging“) oder die Insel Buss: „Auf einer niederländischen Karte aus dem Jahr 1745 ist ihre Position noch verzeichnet, allerdings mit dem Zusatz, sie sei inzwischen untergegangen.“ Den Untergang eines Seefahrers verursachte übrigens fast eine angeblich nahe Buss gelegene Insel namens Frisland: „Was für die Kartographen nicht mehr als geduldiges Papier war, konnte für Seefahrer große Gefahren bedeuten. So wurden die Entdeckungsreisen von Martin Frobisher im 16. Jahrhundert nach Kanada durch Mercators Karte irregeleitet. Als Frobisher auf Grönland stieß, glaubte er, Frisland entdeckt zu haben, und als er auf Baffin Island landete, hielt er die Insel für Grönland. Das rätselhafte Frisland war noch bis ins 18. Jahrhundert auf Karten zu finden.“ Ebenfalls nicht ungefährlich war es, eine solche Phantominsel als Proviantstation einplanen zu wollen, wie Kolumbus es mit Antilla tat. Apropos: Kolumbus entwickelte laut McLeod auch noch andere originelle Ideen, beispielsweise „die Theorie, dass die Erde nicht rund, sondern eher birnenförmig sei und dass das Paradies auf der Spitze dieser Birne liege.“ Kolumbus’ Beinahe-Proviantstation Antilla tat dagegen das, was andere legendäre Orte (einschließlich des Paradieses; siehe oben) ebenfalls taten: umherwandern. „Legenden neigen dazu, sich dem jeweiligen Zeitgeist und den Erwartungen ihrer Zuhörer anzupassen. Antilla wanderte im Atlantik immer weiter nach Westen, und bevor die Insel ganz von den Landkarten verschwand, gab sie ihren Namen an eine Inselgruppe in der Karibik weiter.“

Auf dem amerikanischen Festland sah es hinsichtlich legendärer Länder übrigens nicht sonderlich besser aus. McLeod thematisiert also für Nordamerika das „falsche Meer Verrazanos“, John Farrers Nordamerika-Karte (ein „Triumph von Wunschdenken und Gier über die Realität“), das kanadische Königreich Saguenay (bevölkert „von einem Volk großer, blonder und weißhäutiger Menschen“) oder die „Insel“ Kalifornien: „Die Insel Kalifornien war einer der größten kartographischen Irrtümer der Weltgeschichte, wobei man zugestehen muss, dass die Konkurrenz um diesen Titel groß ist.“ Für Südamerika führt McLeod als legendäre Länder und Orte die wandernde Stadt Trapananda an, das Zimtland La Canela, das Silberland Sierra de la Plata (von dem der heutige Rio de la Plata seinen Namen hat) und natürlich El Dorado. „El Dorado wurde zum Inbegriff dieser Suche nach verborgenen Schätzen, der Name ging unwiderruflich in unseren Sprachschatz ein“ und war laut McLeod bis ins 19. Jahrhundert noch auf einigen Landkarten zu finden.

McLeods mit einem Lesebändchen und auch ansonsten schön ausgestattetes Buch schließt mit einem Literaturverzeichnis, einem Register und einem Bildnachweis für die laut Verlagsangaben 80 alten Karten und weiteren Illustrationen (z.T. doppelseitig), die mehr als ein Viertel des Buches ausfüllen. Beginnen tut das Buch übrigens mit einer kurzen Geschichte der Kartographie: Der Erste Teil (Die Erfindung der Erde) ist weitgehend frei von legendären Ländern, bietet stattdessen eine Zeitreise. Die Zeitreise beginnt im antiken griechischen Kulturkreis, z.B. mit Claudius Ptolemäus, dessen Geographia „jahrhundertelang das unangefochtene Standardwerk“ blieb, mit Eratosthenes’ Erdumfangs-Messung („ erstaunlich präzise“) und seiner Erdkarte („Meilenstein in der Geschichte der Kartographie“) oder mit dem Meinungsstreit, ob die Erde eine Scheibe oder eine Kugel sei. „Unter den Gelehrten der griechischen Antike setzte sich im 5. Jahrhundert v. Chr. weitgehend die Meinung durch, dass die Erde eine Kugel sei.“ Dank christlicher Werte blieb von solchem Wissen allerdings nicht viel übrig. Papst Zacharias beispielsweise „bezeichnete die Theorie einer kugelförmigen und auf beiden Hemisphärenseiten bevölkerten Erde als ’perverse und sündhafte Doktrin’.“ Die Karten des christlicher werdenden Europa wurden dank kirchlichem Einfluss „eher symbolhaft als anwendungsorientiert“, so McLeod: „Die theologische Diktatur, die das europäische Denken des Mittelalters bestimmte, erstickte jede Art von unvoreingenommener wissenschaftlicher Gelehrtheit, und so verlagerte sich das Zentrum des intellektuellen Fortschritts notgedrungen nach Osten“, und die islamischen Karten „waren den durch christliche Dogmen eingeschränkten westlichen Karten weit überlegen.“ Das änderte sich dann mit der Renaissance und dem Zurückdrängen religiösen Einflusses. Zumindest hier, zumindest bis heute. „Dass der Erwerb und die Bewahrung des Wissens der Welt unter dem eingeschränkten Horizont vieler religiöser Überzeugungen unterdrückt werden, ist eine Tragödie, die sich schon allzu oft wiederholt hat.“ Besser dagegen ist es, gleich dem von McLeod erwähnten Gaius Plinius Secundus alles zu lesen, was man lesen mag. „Er war ein unersättlicher Leser. Von ihm stammt der Ausspruch, kein Buch auf der Welt könne so schlecht sein, dass er nicht irgendeinen Gewinn daraus ziehen könne.“ Einen Gewinn zieht man auch aus McLeods Buch, obwohl es inzwischen einen Haufen Texte gibt, die ich ohne irgendeinen Gewinn lesen könnte. Beispielsweise Struktur- und Entwicklungspläne nach § 7 LHG. Aber ich bin ja auch nicht Plinius. Höchstens Planlos.

ISBN 978-3-86690-190-2; EUR 39,95

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