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Was passiert in der öffentlichen Verwaltung?

„Journalisten schlachten nicht einfach”

podium-51„Presse(macht) und Bürgermeister”, so der Titel einer Podiumsdiskussion an der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl zum Verhältnis zwischen Medien und Bürgermeistern. Dabei wurde schnell deutlich: Christa Fischer, Schriftstellerin und Moderatorin der Diskussion, stand mit ihren provozierenden Thesen schnell alleine da. Weder der Tübinger Professor Hans-Georg Wehling, noch der Chefredakteur der Mittelbadischen Presse, Jürgen Rohn, noch Renchens Bürgermeister Bernd Siefermann und auch nicht der Rektor der Hochschule Kehl, Paul Witt, teilten ihre Meinung, dass Journalisten in der Regel mit der Berichterstattung nichts anderes im Schilde führten, als Bürgermeister abzuschießen.
„Nur Skandale bringen Quote und Auflage”, so Fischer.

So sei es mehr als logisch, dass Journalisten in der Regel eine Tendenz zur Skandalisierung an den Tag legten, da kein Leser eine ständige Hofberichterstattung haben wolle. Amtsträger würden deshalb mit Negativurteilen überzogen. Begriffe wie „machtbesessen, bestechlich, geltungssüchtig, ahnungslos, ohne soziale Kompetenz, graue Maus, faul und ohne Visionen” führten eine Hitliste an, die Fischer podium-12-fischerverbreitet in der Berichterstattung über Bürgermeister gefunden haben will. Konkret hatte sich die Schriftstellerin mit der Geschichte des früheren Oberbürgermeisters von Kornwestheim, Ulrich Rommelfanger, literarisch auseinandergesetzt, der nach einer Amtszeit nicht wiedergewählt worden war. Fischer machte für diesen Umstand die Berichterstattung in den Medien verantwortlich.
 „Journalisten schlachten nicht einfach” entgegnete Hans-Georg Wehling, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Tübingen und einer der Fachleute für das Bürgermeisterwesen in Baden-Württemberg. Nicht die Presse sondern fachliche Fehler würden die Wiederwahl gefährden. „Bürgermeister müssen mit den Wählern und nicht mit den Journalisten gut können”. Seit Anfang der 70er-Jahre seien in Baden-Württemberg rund 180 Bürgermeister nicht wiedergewählt worden, was einem Anteil von nicht einmal fünf Prozent entspreche. Auch den Vorwurf, Journalisten würden die Privatsphäre von Bürgermeistern nutzen, um Negativschlagzeilen zu verbreiten, ließ Wehling nicht gelten. „In Baden-Württemberg   haben wir vor allem kleine Kommunen, da muss die Presse nicht das Private nach außen tragen. Das spricht sich im Ort von selbst rum”, so Wehling.
Der Chefredakteur der Mittelbadischen Presse aus Offenburg, Jürgen Rohnpodium-14-rohn, zeigte sich entsetzt über die Statements der Diskussionsleiterin. „Kampagnenjournalismus, so wie Sie Ihn schildern, habe ich auf lokaler Ebene noch nicht erlebt”, so Rohn. Man sollte die Macht der Presse nicht überschätzen, da die Leser sehr wohl sensibel auf eine manipulierte Berichterstattung reagieren würden. „Die Presse hat im Gegenteil eine Aufgabe, die nicht zu unterschätzen ist, denn durch ihre Berichterstattung findet Kommunalpolitik nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt”.
Der Bürgermeister der Stadt Renchen, Bernd Siefermann, fand sich in den Thesen von Christa Fischer nicht wieder. „Ich muss über ihre Horrorliste schmunzeln”, so Siefermann. Er zog einen sportlichen Vergleich im Umgang mit der Presse: „Es ist wie bei einem guten Tennisspiel: Es geht immer hin und her, jeder versucht seinen Vorteil zu nutzen, das Fairplay muss aber im Vordergrund stehen”. Natürlich sei einem Bürgermeister eine Hofberichterstattung lieber als ständige Kritik an der Arbeit der Verwaltung. „Konstruktive Kritik nehmen wir aber gerne entgegen”, so Siefermann, podium-19-siefermannder im November 2008 mit 94 Prozent der abgegebenen Stimmen wiedergewählt worden war.
„Das Verhältnis zwischen Bürgermeister und Medien ist eine Art Symbiose” merkte der Rektor der Hochschule Kehl, Prof. Paul Witt, an. Im von ihm regelmäßig veranstalteten Bürgermeisterkandidatenseminar rate er zu einem guten Verhältnis zu den Medien. „Wie man in den Wald hineinruft, schallte es zurück”, so Witt. Die Bürgermeister müssten sich bei der Bevölkerung durch Bodenhaftung und Präsenz beweisen und seine Bürger kennen. Diese würden sich in der Regel nicht allein über die Presse ein Bild über die Qualität des Bürgermeisters machen.
Ähnlich sah es auch Susanne Jakob, eine Studentin der Hochschule Ludwigsburg, , die sich in ihrer Diplomarbeit mit dem Thema Bürgermeister und Presse beschäftigt hatte und in einem Intermezzo in die Diskussionsrunde einbezogen wurde: „Der Bürgermeisterposten ist in den vergangenen Jahren immer mehr zu einer Marke geworden und die Medien sind ein wichtiger Werbeträger für diese Marke”. Ihre Studienkollegin von der Hochschule Kehl, Julia König, setzte sich in ihrer Diplomarbeit insbesondere mit der Rolle von Bürgermeisterinnen auseinander. Sie erkannte dabei, dass das kommunikative Geschick und ein kooperativer Arbeitsstil die Chancen von Frauen in diesem Amt steigere.
Jürgen Rohn warnte vor einer zu engen Nähe zwischen Presse und Bürgermeister. „Dadurch wird ein guter Journalismus eher behindert als erleichtert.” Zudem gab er zu Bedenken, dass es auch häufig Fälle gebe, in denen Bürgermeister versuchen würden, kritische Journalisten bei Verlegern und Vorgesetzten anzuschwärzen, um diese los zu werden. podium-22-wehling1In eine ähnliche Richtung argumentierte auch Hans-Georg Wehling und warnte vor dem Versagen einer kritischen Presse. „Ich kenne einen Fall, da haben alle zu lange weg geschaut, als ein Bürgermeister offensichtlich krumme Dinger drehte. Inzwischen ist dieser rechtskräftig verurteilt. Hätte man ihm vorher auf die Finger geschaut, wäre es wohl nicht so weit gekommen”. In seinem Schlusswort fasste der Tübinger Politikwissenschaftler es so zusammen: „Die Presse ist nicht der Feind des Bürgermeisters. Einzelpersonen, die in der Kommune Stimmung gegen den Amtsinhaber machen, sind die viel gefährlicheren Gegner bei einer Wiederwahl”.


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