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Jon Ronson, “Die Psychopathen sind unter uns” (Rezension)

Kann sein, dass ich an einer Zwangsstörung leide. Denn ich sehe mich mal wieder gezwungen, die große Verlags-Batsche zu zücken und damit um mich zu schlagen: patsch, patsch, patsch. Anlass: Der seit seinem Buch Männer die auf Ziegen starren (2009 verfilmt) etwas bekannter gewordene britische Journalist Jon Ronson hat ein Buch vorgelegt, das im Original The Psychopath Test heißt, Untertitel A Journey Through the Madness Industry. Und was macht der deutsche Verlag daraus? Der Titel Die Psychopathen sind unter uns geht noch leidlich in Ordnung. Doch der Untertitel Eine Reise zu den Schaltstellen der Macht drückt nur den Inhalt von nicht einmal einem Fünftel des Buches aus: Lediglich die Seiten 119 bis 166 führen, so Ronson, „durch die Hallen der Macht“ wirtschaftlicher und politisch-militärischer Art. Mit diesem fehlerhaften Untertitel macht der Verlag sich übrigens zu einem Teil der im englischen Untertitel erwähnten „Wahnsinns-Industrie“, zu der auch Ronson gehört. Ronsons Selbsterkenntnis: Manche (vermeintlichen) Psychopathen würden „auf ihre verrücktesten Kanten reduziert“ und „ihre langweiligen, gewöhnlichen, nicht verrückten Eigenschaften“ unterschlagen. So sieht Ronson z.B. den recht durchgeknallt wirkenden Verschwörungstheoretiker David Shayler „zu einem Spielzeug der Wahnsinns-Industrie reduziert, zugunsten deren Profits“. Immerhin aber gebührt Shayler der Ruhm, zur einzigen Illustration in Ronsons Buch geführt zu haben. Welche das ist, sei hier nicht verraten.

Zunächst einmal zur Frage: Was ist ein Psychopath? Mit Blick ins psychologische Klassifikations-Handbuch DSM-IV-TR hält Ronson es für „erstaunlich, dass sich überhaupt nichts über Psychopathen darin fand. Vielleicht hatte es in der Welt der Psychopathendefinition ein Hinterzimmer-Schisma darüber gegeben? Das Ähnlichste, was ich finden konnte, war die narzisstische Persönlichkeitsstörung, deren Opfer ein ’übersteigertes Gefühl ihrer Wichtigkeit und ihrer Rechte’ haben, ’von Fantasien unbegrenzten Erfolges besessen’ und ’ausbeuterisch’ sind, ’keine Empathie haben’ und ’übermäßige Bewunderung’ brauchen, und die antisoziale Persönlichkeitsstörung, die ihre Opfer dazu antreibt, ’oft heimtückisch und manipulativ vorzugehen, um persönlichen Gewinn oder Vergnügen zu erlangen (d.h. Geld, Sex oder Macht)’.“ Ronson betrachtet in seinem Buch daher auch die Entstehungsgeschichte der DSM-Klassifikation und interviewt deren maßgeblichen Redakteur Robert Spitzer, der bereits für das DSM-III Interviewer in ganz Amerika ausschwärmen ließ, „um Hunderttausende von zufällig ausgewählten Menschen zu befragen, wie sie sich fühlten“, berichtet Ronson: „Es stellte sich heraus, dass sich fast alle schlecht fühlten. Und gemäß der neuen Checklisten litten mehr als 50 Prozent an einer psychischen Störung“, so Ronson: „In der ganzen westlichen Welt begannen Menschen, die Checklisten zu verwenden, um sich selbst zu diagnostizieren. Für viele war es ein Geschenk Gottes. Irgendetwas war mit ihnen grundsätzlich nicht in Ordnung, und nun hatte ihr Leiden einen Namen. Es war wirklich eine Revolution in der Psychiatrie und ein Goldrauch für die Pharmafirmen, die nun plötzlich Hunderte von neuen Störungen hatten, für die sie Medikamente erfinden konnten, Millionen von neuen Patienten, die sie behandeln konnten.“ Einiges von den DSM-Kriterien beruht laut Spitzer allerdings „vielleicht tatsächlich auf einem Irrtum“. Macht nichts, Schwamm drüber! Und wer weiß, vielleicht ist der vom Virus des Klassifikationismus befallene, für den Originaltitel des Ronson-Buchs titelgebende Bob-Hare-Psychopathentest fehlerbehaftet. Was nicht wirklich gut wäre. Denn Bob Hare erzählt Ronson nach dessen Teilnahme an einem entsprechenden Testanwendungs-Seminar u.a. „von weltreisenden Experten, forensischen Psychologen und Kriminalprofilern, die um den Planeten reisten mit nicht viel mehr als einem Zertifikat für den Besuch des Kurses […]. Diese Leute hatten unter Umständen Einfluss auf Bewährungsverfahren und Gerichtsverfahren mit Todesstrafe, Verhandlungen über Serienmörder und so weiter.“ Über sich selbst behauptet Ronson übrigens, „dass die Tatsache, dass ich nun Psychopathen-Erkenner war, mich ziemlich machtbesessen hatte werden lassen.“

Von der Macht der vermeintlichen Psychopathen-Erkenner (und dem möglichen Machtmissbrauch) handeln auch Ronsons Textpassagen um Paul BrittonsNickell-Fiasko“ mit dem vermeintlichen Psychopathen Colin Stagg und den Tod Rebecca Rileys, die beide „fälschlicherweise als psychisch gestört eingestuft worden waren, nur weil sie nicht so waren, wie es die Leute[] um sie herum wünschten“. Außerdem gibt es in Ronsons Buch skurrile Exkurse zu den Themen Nacktpsychotherapie und Laings Kingsley Hall, einen Hinweis auf Cleckleys Analyse psychopathischen Verhaltens („wie Psychopathen ihre Psychose unter einem Anschein gewinnender Normalität verbargen“), einen Bericht über „die wahnwitzig idealistischen psychiatrischen Bemühungen“ des Oak Ridge Capsule Program der Psycho-Klinik Penetanguishene (Erfolg: dass die Rückfallquote der Entlassenen von 60 auf 80 Prozent stieg) oder einen Rückblick auf die Anfänge der Psychopathie-Forschung (Pinel, Koch). „Der Konsens war von Anfang an, dass nur ein Prozent der Menschheit“ Psychopathen waren, „aber dass das Chaos, das sie verursachten, so weitreichend war, dass es die Gesellschaft tatsächlich prägen konnte“.
Ein solches Chaos ist natürlich besonders groß, wenn ein Psychopath eine Führungsposition einnimmt. Ronson ist fasziniert von der These, „dass Psychopathen in Spitzenpositionen in Wirtschaft und Politik gehäuft anzutreffen sind – die klinische Abwesenheit von Mitgefühl war ein Vorteil in diesen Kreisen.“ Der Ausgangspunkt von Ronsons Recherchen (und wohl der Anlass für den deutschen Untertitel) ist folglich die Frage, „welchen Einfluss Wahnsinn – Wahnsinn unter unseren Führungspersönlichkeiten – auf unser Alltagsleben“ hat. „Serienmörder zerstören Familien“, zitiert Ronson Bob Hare, „Psychopathen in Wirtschaft und Politik und Religion zerstören Volkswirtschaften. Sie zerstören Gesellschaften.“ Sekundieren tut Hare eine Kollegin: die Psychologin Martha Stout. Psychopathen, so Stout, „lieben Macht. Sie lieben es zu gewinnen. Wenn Sie die Güte aus dem menschlichen Gehirn nehmen, dann bleibt nicht viel übrig außer dem Willen zu gewinnen. […] Je höher Sie auf der Leiter hochsteigen, desto größer die Anzahl“ an Psychopathen.
Für den Bereich ’politische Machthaber/Psychopathen’ porträtiert Ronson den massenmörderischen Emmanuel Constant, der auf Haiti eine CIA-gestützte Terrorherrschaft begründet hatte und im US-Exil immerhin noch eine Armee von Burger-King-Plastikfiguren befehligte. Constant erschien Ronson „als der archetypische Bob-Hare-Psychopath […], charmant und gefährlich“, ein Mann, „der mit unheimlicher, beunruhigender Präzision der Checkliste entsprach“, so Ronson: „Er hatte die haitianische Gesellschaft innerhalb von drei Jahren tiefgreifend verändert, durch sein Wüten in die falsche Richtung gelenkt, das Leben von Tausenden zerstört, das von Hunderttausenden schwer beeinträchtigt.“ Unmittelbar nach dem Kennenlernen hat Constant auf Ronson allerdings noch beruhigend vertraut gewirkt. „Er schien bescheiden, selbstironisch, trottelig, ganz wie ich. Hatte er mich gespiegelt, mich selbst zurückreflektiert?“, so Ronson, der sich erinnert: „Bob Hare sagte, Psychopathen seien talentierte Nachahmer.“ Besonders deutlich wird das in einer von Ronson meisterhaft geschilderten Szene, in der Constant Trauer spielt. „Das Geräusch, das ich hörte, war eine Art Schluchzen. Aber es war kein wirkliches Schluchzen. Es war etwas, was sich nur so anhörte. Sein Gesicht verzerrte sich, als ob er weinen würde, aber es wirkte seltsam, wie schlechte Schauspielerei. Ein erwachsener Mann in einem eleganten Anzug, der vorgab in meiner Gegenwart zu weinen. Es wäre peinlich genug gewesen, wenn er wirklich geweint hätte […], aber dies war ein Mann, der ganz offensichtlich ein Weinen simulierte, was diesen Augenblick zugleich peinlich, surreal und ziemlich beunruhigend machte“, so Ronson: „Constant war auch faszinierend rätselhaft, eine Qualität, die dadurch geschaffen wird, dass etwas verborgen wird: Wir sind geblendet von Menschen, die uns etwas vorenthalten, und Psychopathen machen das immer, weil sie nie ganz da sind. Es sind sicherlich die rätselhaftesten Geistesgestörten.“
Einen rätselhaften Menschen porträtiert Ronson auch für den Bereich ’wirtschaftliche Machthaber/Psychopathen’. Bob Hare „machte Psychopathen für die brutalen Exzesse des Kapitalismus verantwortlich […]. Er hatte in Zusammenarbeit mit einem Psychologen namens Paul Babiak ein Buch darüber geschrieben – Snakes in Suits: When Psychpaths Go To Work“ (auf Deutsch unter dem Titel Menschenschinder oder Manager erschienen). Zwar stellte Hare fest, dass die Mehrheit von CEOs, Direktoren, Aufsichtsräten nicht psychopathisch ist, „aber 3,9% mindestens 30 Punkte erzielten“ auf der Hare-Checkliste, „was sehr hoch ist, selbst in Gefängnissen[,] und vier oder fünf mal häufiger als in der allgemeinen Bevölkerung.“ Als Archetypen des skrupellosen Managers hatte Ronson für sein Buch den Manager Al Dunlop ausgewählt. „Er feuerte Menschen mit so offensichtlicher Schadenfreude, dass die Wirtschaftszeitschrift Fast Company ihn in einem Artikel über potentiell psychopathische CEOs erwähnte“ – als einzige lebende Manager-Gestalt. Während Ronsons Gespräch mit Dunlop stellte sich tatsächlich heraus, dass Dunlop „viele Charakterzüge aufwies, die […] zu einer hohen Punktezahl auf Bob Hares Psychopathen-Checkliste führten“. Allerdings definierte Dunlop diese Charakterzüge als Führungsqualitäten. Impulsivität? Laut Dunlop nur „ein anderer Name für schnelle Analyse.“ Oberflächliche Gefühle? Schützen davor, „irgendwelche Nonsens-Gefühle“ zu haben, so Dunlop. Mangel an Reue? „Ein Mangel an Reue ermöglicht es Ihnen, weiterzugehen und größere Dinge zu erreichen“, meint Dunlop, der viele Punkte der Hare-Checkliste gerne „für sich in Anspruch nahm, da er sie als Manifestationen des amerikanischen Traums, des Unternehmergeistes sah“

Sollten auch Sie, wie Al Dunlop, viele Punkte der Hare-Checkliste erfüllen, also beispielsweise hinterhältig sein oder manipulativ, angeödet von moralischen Schranken, schnell gelangweilt oder darauf erpicht, dass andere Ihnen Respekt erweisen – dann sollten Sie diverse Dinge beachten. Erstens sollten Sie sich nicht erwischen lassen. Das geht am besten, wenn Sie langweilig sind. „Wenn du den Ehrgeiz hast, ein Bösewicht zu werden, dann solltest du als erstes lernen, wie man unverständlich wird. Tritt nicht wie Blofeld auf – mit Monokel und angeberisch. Wir Journalisten lieben es, über Exzentriker zu schreiben. Wir hassen es, über unzugängliche, langweilige Menschen zu schreiben. Sie lassen uns schlecht aussehen: Je langweiliger der Interviewpartner, desto langweiliger die Schreibe. Wenn du davonkommen willst mit der Ausübung wirklich bösartige[r] Macht, dann werde langweilig.“ Zweitens sollten Sie sich nicht outen und auf Heilung hoffen. „Psychische Störungen kommen und gehen. Sie können durch Medikamente gelindert werden“, so ein Broadmoor-Arzt zu Ronson. Psychopathie dagegen „ist nichts, was kommt und geht. Es macht die Person vielmehr aus“, so der Broadmoor-Arzt. „Psychopathen ändern sich nicht“, zitiert Ronson außerdem Prof. Essi Viding: „Sie lernen nicht aus einer Strafe. Das Beste, was man hoffen kann, ist, dass sie eines Tages zu alt und zu faul werden, um Straftaten zu begehen. Und sie können sehr beeindruckend wirken. Charismatisch. Die Leute sind hingerissen.“ Drittens allerdings sind Sie, wenn Sie bis hierher gelesen haben, vermutlich ohnehin kein Psychopath. Martha Stout: „Wenn Sie sich zu sorgen beginnen, dass Sie vielleicht ein Psychopath sind, wenn Sie einige dieser Züge an sich selbst erkennen, wenn Sie eine unterschwellige Angst deswegen verspüren, dann bedeutet dies, dass Sie keiner sind.“ Sondern Sie sind vielleicht einfach ein leicht verschrobener Mensch und erst dadurch interessant. Ronson: „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass wir auf diesem Planeten sind, um besonders glücklich oder besonders normal zu sein. Und tatsächlich sind es unser Unglück und unsere Fremdartigkeit, unsere Ängste und Zwänge, die unattraktivsten Persönlichkeitszüge, die uns oft dazu bringen, ziemlich interessante Dinge zu tun.“

ISBN 978-3-608-50312-8 ; EUR 19,95

2 Kommentare

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