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Was passiert in der öffentlichen Verwaltung?

“Im Interview mit Julian Meier: Prof. Dr. Stefan Stehle”

JM: Warum haben Sie sich dazu entschlossen, sich für eine Professur an der Hochschule Kehl zu bewerben?

Stehle: Weil mir die Lehre immer schon großen Spaß gemacht hat. Ich habe während meiner Assistentenzeit an der Uni Konstanz insgesamt sieben Semester lang unterrichtet, v.a. Arbeitsgemeinschaften im Sachenrecht für Drittsemester. Besonders die unmittelbare Rückkopplung durch die Studierenden hat mich immer fasziniert. Man kann seinen Zuhörern ja direkt am Gesichtsausdruck ablesen, ob man den Stoff gerade so vermittelt, dass er verstanden wird – oder eben nicht. Das spornt an, die eigene Vorlesung in einem iterativen Prozess immer weiter zu verbessern – bis man (im Idealfall) durchweg zufriedene und (im besten Wortsinne) verständnisvolle Gesichter vor sich hat.

Außerdem: Die Sachverhalte, die man als Professor zu vermitteln hat, sind oft komplex. Gerade das Arbeitsrecht ist stark rechtsprechungsgeprägt und bis in Einzelheiten “durchentschieden”. Es ist anspruchsvoll, schwierige Sachverhalte so aufzubereiten, dass sie leicht(er) verständlich werden. Genau darin liegt aber die große Befriedigung, die der Job eines Professors bietet. Es ist einfach ein schönes Gefühl, ein komplexes Problem so vermittelt zu haben, dass es tatsächlich verstanden wurde. Man hat dann das Gefühl, Spuren zu hinterlassen in den Köpfen der Zuhörer.

Und schließlich: Kaum ein anderer Beruf bietet so viele Freiheiten. Denn neben der Lehre gibt es ja auch noch die Forschung – und hier kann man seine eigenen, ganz persönlichen Schwerpunkte setzen. Auf diese Freiheit freue ich mich.

Speziell für Kehl sprach schließlich, dass es sich um eine Hochschule für öffentliche Verwaltung handelt. Ich bin Zivilrechtler, verfüge aber über Praxiserfahrung nicht nur als Anwalt sondern auch aus meiner Zeit in der Landesinnenverwaltung. Kehl scheint mir daher der ideale Ort, um meine Erfahrungen fruchtbar zu machen.

 

JM: Was sind Ihre persönlichen Ziele für das laufende Semester?

Stehle: Also, als frischgebackener Professor ist man im ersten Semester vor allem mit dem “Einjustieren” seiner Vorlesungen beschäftigt: Welche Vorkenntnisse bringen die Studierenden mit? In welchem Tempo kann ich unterrichten, um optimal verstanden zu werden? Wie engagiert sind die Studierenden in der Vorlesung dabei? Wie stark muss ich komprimieren, um den notwendigen Stoff unterzubringen, den die Studierenden für die Klausur brauchen – und wo bleibt noch Raum zur eigenen Schwerpunktsetzung?

Von diesem Anpassungsprozess abgesehen, wird mein Ziel im ersten Semester aber dasselbe sein wie in allen folgenden Semestern – nämlich den Studierenden die bestmögliche Lehre zu bieten.

Allerdings ist das keine Einbahnstraße – auch die Studierenden müssen ein hohes Maß an Leistungsbereitschaft mitbringen, damit der Vorlesungsbetrieb gelingt.

 

JM: Wie war die erste Vorlesung, die Sie an der Hochschule gehalten haben?

Stehle: Der erste Eindruck ist sehr positiv. Ich habe schnell gemerkt, dass sich die Studierenden für den Stoff interessieren – das ergab sich aus den interessierten Nachfragen. Ob das Interesse nur aus der am Ende des Semesters “drohenden” Klausur herrührt, oder ob die Studierenden tatsächlich verinnerlicht haben, dass sie den Stoff für ihren späteren Job dringend brauchen – das muss ich noch herausfinden.

Prof. Dr. Stefan Stehle

Besonders angenehm finde ich die überschaubare Gruppengröße. An der Uni Konstanz hatte ich in der Regel rund 50 Studierende in einer Arbeitsgemeinschaft sitzen – und dort sollte eigentlich Fallbearbeitung in Kleingruppen stattfinden. Wenn ich die Vertretung von Vorlesungen übernommen habe, saßen da in der Regel rund 200 Studierende. Es ist viel angenehmer, hier an der HS Kehl mit nur rund 30 Zuhörern zusammenarbeiten zu dürfen – das ist ein sehr individueller und viel persönlicherer Umgang als an der Uni.

 

JM: Was war der Anreiz für Sie, von einer Anwaltskanzlei in die Verwaltung zu  wechseln?

Stehle: Ich habe in einer Großkanzlei in Stuttgart gearbeitet – das war eine sehr intensive Zeit. Mein Beratungsschwerpunkt lag im Aktien- und Aktienkonzernrecht; außerdem haben wir Unternehmenskäufe betreut. Unsere Mandaten waren häufig DAX-, M-DAX- oder TecDAX-Unternehmen. Rechtsberatung für solche Mandaten findet auf höchstem Niveau statt – das ist herausfordernd und befriedigend zugleich. Die Erfahrungen, die ich hier machen durfte, sind für mich von unschätzbarem Wert – denn an solche Mandate kommt man eben nur in einer Großkanzlei heran. Man ist ganz nah dran an aktuellen Rechtsentwicklungen und ganz nah am Puls der Wirtschaft.

Die Kehrseite eines solchen Jobs ist die hohe zeitliche Inanspruchnahme. Man arbeitet in der Regel 70-80 Stunden in der Woche und muss auch in seiner knapp bemessenen Freizeit erreichbar sein. Das ist ein ganz natürlicher Druck, der sich aus den Mandaten ergibt. Mir war von Anfang an klar, dass ich das in dieser Intensität nicht bis zum Ende meiner Berufstätigkeit machen will. Der Wechsel in die Landesinnenverwaltung erfolgte dann vor dem Hintergrund eines laufenden Mandats.

 

JM: Welche Probleme sehen Sie derzeit in der Verwaltung in unserem Land, die es in Zukunft zu lösen gilt?

Stehle: Es gibt sicher einige Stellschrauben, an denen man drehen und Verbesserungen herbeiführen kann. In toto betrachtet, arbeitet unsere Verwaltung aber ausreichend effektiv.

Nur einen Punkt will ich ansprechen: Mir scheint, dass in den letzten Jahren ein schleichender Prozess vor sich geht, den ich mit “nachlassende Professionalität” beschreiben will. Ein Beispiel: Ein Ministerium erarbeitet zentral einen Vertrag, den alle Landratsämter mit einem Dritten abschließen sollen. Der Vertragsentwurf wird an alle Landratsämter verschickt – und löst dort Befremden aus: An mehreren Stellen finden sich juristische Unzulänglichkeiten, ja sogar mehrere Tippfehler. So etwas darf einfach nicht passieren. Das zeigt: Das höchste Gut der Landesinnenverwaltung sind ihre Köpfe. Deshalb sind Ausbildung und Fortbildung so eminent wichtig. Wo es an Professionalität und an notwendigen Fachkenntnissen fehlt, werden unnötige Fehler gemacht, die im Ernstfall viel Geld kosten können.

Daher ist es so wichtig, dass unsere beiden Hochschulen für öffentliche Verwaltung im Land gute Arbeit leisten – denn von den Köpfen, die wir aus- und fortbilden, hängt letztlich die Qualität unserer Verwaltung ab.

2 Kommentare

  1. geschrieben am 23. Juli 2010 um 08:39 Uhr | Permalink

    Wirklich spannend und sehr interessant zu lesen, vielen Dank für das Interview! :)

  2. geschrieben am 14. Oktober 2018 um 23:10 Uhr | Permalink

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