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Hywel Williams’ „Große Herrscher“ (Rezension)

Unschön ist es, an dieser Stelle immer in das gleiche Horn blasen zu müssen. Dennoch muss es, tröööööööt, mal wieder sein: Liebe Verlage, wenn ein Autor meint, einem Buch einen bestimmten Titel geben zu müssen, dann hat er sich manchmal etwas dabei gedacht. Denn denken tut ein Autor manchmal, ja ja. Sogar dann, wenn er Politiker ist wie Hywel Williams. Sein auf Deutsch Große Herrscher betiteltes illustriertes Sachbuch heißt im englischen Original Sun kings, Untertitel A history of magnificent kingship, und es geht – lieber Verlag – eben nicht um große Herrscher im allgemeinen, sondern um dynastische Machthaber im speziellen (Williams’ Ausnahme, aus unerfindlichen Gründen: ein Papst). Williams’ „Schilderung der Sonnenkönige“, so Williams in der Einleitung dieses National-Geographic-Bildbandes, umfasst 40 Einzelbiographie-Kapitel aus mehr als 3000 Jahren Geschichte (mit einer leichten Häufung vom 16. bis zum 18. Jahrhundert) sowie ein Sammelkapitel über das 20. Jahrhundert, betitelt Die letzten großen Herrscher. Europäischen dynastischen Machthabern widmet Williams dabei 24 der 40 Einzelbiographie-Kapitel, asiatischen 13, afrikanischen 2 (Ramses II., Baibars), amerikanischen eines (Moctezuma II.). Der Frauenanteil in den 40 Einzelbiographie-Kapitel beträgt zehn Prozent (Eleonore von Aquitanien, Elisabeth I., Maria Theresia, Katharina II., Viktoria). „Manche Herrscher […] ragen besonders aus der langen Reihe von Mächtigen in der Geschichte der Menschheit heraus“, so Williams. Über die Auswahl der in Williams’ Buch auftauchenden dynastischen Herrscher lässt sich dabei allerdings insbesondere deswegen streiten, weil Williams nicht immer sonnenklar macht, welche Taten oder Merkmale einen dynastischen Herrscher „aus der langen Reihe von Mächtigen“ herausragen lassen. Und manchmal, wenn Williams wertet, kann man über die Wertung geteilter Meinung sein bzw. diese Wertung als phrasenhaft empfinden, z.B. in dem Kapitel über Otto III., dessen „Reichspolitik eine neue Synthese europäischer Kulturen geschaffen“ habe, oder in dem Kapitel über Süleyman den Prächtigen, unter dem „der osmanische Staat seinen klassischen Ausdruck gefunden hat.“
Erstaunlich an den Vermächtnissen, die laut Williams einen dynastischen Herrscher aus der langen Reihe von Mächtigen herausragen lassen: So gut wie nie haben diese Vermächtnisse etwas mit Hard Power zu tun. Meist nämlich sieht Williams als herausragende Merkmale großer dynastischer Herrscher Dinge an, die der Soft Power zuzuordnen sind. Williams führt beispielsweise

  • HerrscherInnen an, die für eine ganz bestimmte Identität ihres Staates sorgen: Elisabeth I. „wurde im späten 16. Jahrhundert zum Symbol der englischen Identität“, und „Viktoria stand für ein neues britisches Selbstvertrauen, genährt durch das Aufkommen eines dynamischen Kapitalismus, die imperialistischen Erfolge des Königreichs und das Gefühl eines moralischen Fortschritts.“
  • HerrscherInnen an, die Regierung und/oder Verwaltung ihres Staates modernisierten. Beispiele hierfür sind Zentralismus und Verwaltungsmethoden des Kaisers Qin, die „dauerhafte Merkmale des chinesischen Kaiserreichs“ blieben, oder die Strukturen, die Kaiser Augustus aufbaute: Sie „hielten das Reich noch weitere 300 Jahre zusammen.“
  • HerrscherInnen an, die die kulturelle Identität ihres Herrschaftsgebietes bewahrten (z.B. Kammu), ergänzten (z.B. der Kitschschloss-Freak und Wagner-Förderer Ludwig II.) oder auf andere Gebiete ausweiteten, beispielsweise Eleonore von Aquitanien: „Durch ihren persönlichen Einfluss auf den Werdegang ihrer Kinder stand Eleonore im Zentrum der europäischen Militärpolitik und Diplomatie. Sie trug aber auch wesentlich zur Kultur ihrer Zeit als Förderin der Troubadoure am Hof Aquitaniens in Poitiers bei“, so Williams: „Ihr dauerhaftes Vermächtnis aber war der Einfluss der französischen Kultur auf das geistige Leben Englands.“
  • HerrscherInnen an, die für eine interkulturelle Identität in ihrem Herrschaftsgebiet sorgen wollten. So sieht Williams in Dareios’ „Respekt vor der Vielfalt der Völker und Kulturen […] Dareios’ Vermächtnis an die Nachwelt“ und meint über Alexander den Großen: Sein Weltoffenheit und seine „Entschlossenheit, das menschliche Wissen beständig zu erweitern […] waren Eigenschaften, die Alexander auszeichneten und seine Regentschaft über die blanken Fakten der Eroberungen hinaushoben.“
  • HerrscherInnen an, deren Herrschaft religiöse Folgen hatte, z.B. al-Mansur, der „die ethnische Zugehörigkeit zu den arabischen Stämmen“ zugunsten einer „Idee einer Glaubensgemeinschaft“ zurückstellte, oder Salomos Reichstheorie: „Diese Theologie des Königtums sollte in den Jahren des Exils als Inspiration und Trost dienen, da sie die Erwartung eines idealisierten David förderte, der kommen und die alte Ordnung wiederherstellen würde. Israels Erwartung dieses Messias wurde zum wichtigsten Vermächtnis Salomos.“

Mischformen solcher Soft-Power-Merkmale findet man natürlich ebenso. Es kommt aber jetzt nicht darauf an, alle in diesem Buch über die Entwicklung autokratisch-dynastischer Herrschaft auftauchenden Herrscher aufzuzählen (wer’s mag, kann ja den Inhaltsverzeichnis-Link am Ende dieser Rezension anklicken). Sondern eher darauf, einige weitere generelle Dinge anzuschauen. Zunächst einmal generelle Dinge, die die autokratisch-dynastische Herrschaft unterminieren können: „Niederlagen im Kampf, vermeintliche Charakterschwäche, Krankheit, Streitigkeiten innerhalb der Herrscherfamilie, Religionskämpfe und Naturkatastrophen.“ Zu den generellen Merkmalen, die in Williams’ Buch teilweise zeitlos auf Machthaber im allgemeinen bezogen werden können, gehören laut Williams eine (angebliche) Vision des Herrschers, „die statt von bloßem Egoismus von etwas majestätisch Unpersönlichem geprägt ist“. Weitere wiederkehrende Merkmale laut Williams:

  • Der Herrscher verkörpere die zentralen staatlichen Institutionen und beanspruche für sich, Inbegriff der kollektiven Identität seiner Untertanen zu sein. Er besitzte „eine Fähigkeit, die Loyalität der beherrschten Völker zu gewinnen und sie dadurch zu vereinen“.
  • Es besteht „die Neigung, die Autorität des Herrschers in Akten der Selbstdarstellung und ästhetischen Bilderwerken zu projizieren.“ Architektonische Zeugnisse feiern dabei die Leistungen des Herrschers, stärken seine Autorität in der Gegenwart und überdauern, wenn er Glück hat, sogar die Geschichte seiner Dynastie und seiner Kultur.
  • Die Elite postuliert „die Verknüpfung königlicher Macht mit göttlicher Zustimmung, militärischer Stärke und Wahrung einer nationalen Tradition“. Dazu gehört es auch, die eigene Autorität mithilfe einer Expansionspolitik zu festigen.
  • Die Elite propagiert „die Vorstellung, dass eine dynastische Erbfolge gegen Feinde von außen und Rebellen im Inland gleichermaßen zu schützen sei“
  • Die Elite kennt „die Bedeutung von Ritualen, Umzügen und Festen als Bestandteil einer Choreografie der Macht.“

Es ging übrigens auch anders, wie das Kapitel über Peter den Großen klar macht: „Gesten demonstrativer Schlichtheit betonten die Autorität eines Herrschers, der auf die konventionellen Requisiten königlicher Macht verzichten konnte“ und es genoss, „das Hofzeremoniell zu unterwandern, um seine Macht zu demonstrieren.“ Ferner führt Williams ein Zitat Friedrich des Großen an: Der Alte Fritz lästerte über „all dies nutzlosen und leeren Zeremonien, die ein Ausdruck der Dummheit sind.“

 

Mit einem Register und einem Bildnachweis für die laut Verlag 150 Fotos und Abbildungen schließt Williams’ Sachbuch. Apropos Abbildungen: Wünschenswert wären Karten, z.B. mit der jeweiligen Ausdehnung des Herrschaftsgebiets. Ansonsten bin ich mit dem Buch wunschlos zufrieden gewesen, denn Williams’ Buch befasst sich nicht nur mit den Biographien der Herrscher, sondern bettet sie ein in ein geschichtliches Umfeld: Vor- und Folgegeschichte. Das macht den Hauptunterschied aus zu reinen, wenn auch umfangreichen Lexikon-Artikeln, für die im Wikipedia-Zeitalter kaum noch jemand Geld ausgeben würde. Jedes Kapitel enthält außerdem eine Zeittafel mit Geburts- und Todesjahr des betreffenden Herrschers und einigen zugehörigen bedeutenden Ereignissen.
Vor Register und Bildnachweis gibt es, wie oben erwähnt, noch ein Sammelkapitel über das 20. Jahrhundert, betitelt Die letzten großen Herrscher. Darin heißt es: „Die repräsentative Demokratie und die nationalistische Selbstbehauptung, Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, sorgten dafür, dass die Macht der Herrscher in ihrer dynastischen Form entweder vollständig verschwand oder im Verlauf des 20. Jahrhunderts bestenfalls zu einer Randerscheinung wurde. […] Als charakteristische Ideologie des frühen 20. Jahrhunderts erwies sich hingegen der Totalitarismus. Sowohl in Europa als auch in Asien übernahm eine neue Art von autoritären Herrschern die Rolle der früheren Könige“. Leider wird in Williams Buch allerdings nirgendwo deutlich, warum heutige demokratische Machthaber grundsätzlich anders gestrickt sein sollten als einstige – sie können heute höchstens weniger Schaden anrichten. Relativ auffällig finde ich in diesem Zusammenhang, dass die in Williams’ Buch auftauchenden Machthaber großteils irgendeinen psychischen Knacks zu haben scheinen: Maßloser Ehrgeiz und düstere Risikobereitschaft gehen da gelegentlich einher mit geltungssüchtiger (Selbst-)Vergöttlichung oder egozentrischer Selbstgerechtigkeit. Oft handelt es sich bei den dargestellten Machthabern um die Söhne von Dynastie-Begründern, also Emporkömmlingen: Salomo war Sohn von David („ein charismatischer Rebell“), Heinrich VIII. und Kangxi ebenfalls Parvenü-Söhne, und über Ramses II. (Sohn eines Adoptiv-Pharaos) meint Williams: „Vielleicht erklärt sein Parvenustatus Ramses’ Bauwut, mit der er Ägypten seinen Ruhm und den seiner Familie einzuprägen versuchte.“ Einen veritablen Minderwertigkeitskomplex, der durch Machtgeilheit ausgeglichen werden musste, darf man außerdem Napoleon unterstellen (war an der Militärakademie „Einzelgänger und wurde gehänselt“) oder Alexander dem Großen: Die restlichen Griechen „könnten ihn und seine Makedonier […] für anachronistisch, provinziell und ungehobelt gehalten haben.“ Alexander der Große ist es auch, dem Williams galoppierenden Größenwahn zuschreibt, Verfolgungswahn scheint bei Machthabern ebenfalls vorzukommen (wird deutlich in den Kapiteln über Qin Shi Huangdi und Ludwig II.), und wenn man tatsächlich mal auf einen Machthaber trifft, der nicht irgendwelche Minderwertigkeitskomplexe kompensieren muss, war er bestimmt irgendwann einmal das Opfer von Verwandten, durch die er erniedrigt und somit psychisch angeknackst wurde: Friedrich II. durch seinen tyrannischen Vater, der laut Williams den „jungen Prinzen schikaniert und erniedrigt“ hatte, und Katharina II. durch ihren Ehemann, der „sie zu beschämen“ geneigt war. Getrost darf also gezweifelt werden, ob die bei Williams auftauchenden HerrscherInnen besonders glücklich waren. An einer Stelle des Buches wird dieser Zweifel sogar ausformuliert, nämlich im Kapitel über den lydischen König Krösus: „Angeblich hatte Solon den lydischen König gemahnt, dass der Schlüssel der Sterblichen zur Glückseligkeit nicht in der Anhäufung von Reichtum und Macht liege“…

ISBN 978-3-86690-188-9; EUR 34,95

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