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Helmut Reinalter / Andreas Oberprantacher (Hrsg.): “Außenseiter der Philosophie” (Rezension)

Mal was Schmeichelhaftes für all die Beamtenanwärter und –innen der Hochschulen Ludwigsburg und Kehl: Der „Trennung von Gesellschaft und Staat“, so ein Beitrag in dem hier besprochenen Sammelband Außenseiter der Philosophie, kann man „mittels der Tätigkeit des Beamtentums eine Brücke“ angedeihen lassen. Jede/r VerwaltungsinspektorInnen-AnwärterIn ist also quasi eine Brücke (lat.: pons), die Hochschulen Ludwigsburg und Kehl folglich je ein großer Brückenbauer (lat.: pontifex maximus). Das hört man gerne. Schließlich schwingt da eine gewisse Unfehlbarkeit der beiden Hochschulen mit. Abgesehen von dieser Erkenntnis ist Außenseiter der Philosophie für den unmittelbaren Dienstgebrauch eher ungeeignet, vereinigt das Buch doch „20 Profile von Denkerinnen und Denkern […], deren Bekanntheitsgrad, im Verhältnis zu den Einträgen in philosophiehistorischen Klassikern, ein marginaler oder zumindest ein stark schwankender ist“, wie die Herausgeber Helmut Reinalter und Andreas Oberprantacher im Vorwort schreiben. Dort meinen sie auch, „es gibt gute, aber keine zwingenden Gründe, warum manche Außenseiter der Philosophie in diesen Sammelband aufgenommen wurden, andere aber nicht.“ Was Reinalter/Oberprantacher unter „Außenseiter“ verstehen? Dass die in dem Sammelband auftauchenden PhilosophInnen „ihre Gedanken an den Rändern der Philosophie entfaltet haben und sich wiederholt im Widerspruch befanden – mit der Mehrheitsgesellschaft ebenso wie mit dem offiziellen Diskurs ihrer Zeit.“ Der zeitliche Rahmen ist dabei von der frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert gesteckt und beackert ein Themenfeld, das sich „von der Kultur- und Sozialphilosophie bis zur Politischen Philosophie erstreckt, aber auch – in geringerem Ausmaß – Religionsphilosophie, Ästhetik, Geschichtsphilosophie und Rechtsphilosophie mit einbezieht“, so die Herausgeber im Vorwort, wo sie ferner darauf hinweisen, dass für die einzelnen Beiträge „eine klassische Form gewählt wurde, um Leben und philosophische Entwicklung und das Werk von Personen zu präsentieren sowie deren Wirkung zu diskutieren“. Oft ist diesen drei Unterkapiteln jedes Beitrags eine Einleitung vorgeschaltet, immer folgt ihnen ein Literaturverzeichnis.

Die Protagonisten (und die Autoren der zugehörigen Beiträge) im Einzelnen:

  • Montaigne (Autor: Christian Schärf), der „Stifter und Erfinder des Essays“. Er „wird als einer der herausragenden Schriftsteller der europäischen Renaissance weltweit geschätzt, […] als Philosoph jedoch ist er umstritten und wird es wohl bleiben“, so Schärf. Lesenswert sei Montaigne nicht zuletzt jedoch wegen seiner  „einmaligen ethischen Haltung, in der die radikalste Form der Skepsis Weltbejahung, Menschenfreundlichkeit und Schaffenslust hervorbringt.“
  • Grotius (Autor: Andreas Th. Müller), „eine Gestalt des Übergangs und der vielen Facetten, eine Gestalt, die sich simplen Einordnungsversuchen entzieht und in diesem Sinne ein Außenseiter“ sei, dessen Überlegungen und Argumente über die Freiheit der Meere bis heute „wirkmächtig“ wären und dessen De iure belli ac pacis als „Grundstein“ des Völkerrechts gälte.
  • Pascal (Autor: Eduard Zwierlein), von dem beispielsweise Pascals Gotteswette bekannt ist oder die berühmte Sentenz vom „denkenden Schilfrohr“, die „auch die Fragilität und radikale Kontingenz des Menschen sehr gut“ ausdrücke, so Zwierlein. „Als Mathematiker und Naturwissenschaftler besitzt Pascal eine unangefochtene Tradition. […] Hingegen verlief und verläuft Pascals Wahrnehmung und Aufnahme in der Philosophie nicht ohne Umwege und Ausblendungen.“
  • Der „Erzmaterialist, Chef-Atheist und radikaler Maschinendenker“ La Mettrie (Autorin: Ursula Pia Jauch), „der früh schon gegen […] die rigoristische, ja, kleinkarierte Moral der aufgeklärten Reformer anschrieb“ und für diese daher „zum heißgeliebten Prügelknaben, zur eleganten Entlastungsfigur für die Selbstwidersprüche“ der Aufklärung wurde.
  • Lichtenberg (Autor: Jean Mondot), der „sein literarisches und philosophisches Nachleben seinen zu Lebzeiten unveröffentlichten Schriften, seinen ’Aphorismen’ […] oder auch ’Sudelbüchern’“ verdankt. „Lichtenberg war für lange Zeit der Geheimtipp der deutschen und europäischen Literatur, was er seinem nicht unverdienten Ruf als geistiger Außenseiter zu verdanken hat.“
  • Mary Wollstonecraft (Autorin: Marie-Luisa Frick). Sie war „in der so genannten ersten Phase der Frauenbewegung eine inspirierende Referenzgestalt“, was ihr heute das Leben schwer macht: „[N]icht nur in ihren angeblich ’verstaubten’ feministischen Ansichten ist Wollstonecraft heute eine Außenseiterin der Philosophie, selbst ihre höchst moderne Theorie über das Zusammenspiel von frühkindlicher Erziehung, Empathie, Mitgefühl und Ethik der Sorge wurde von der Moralphilosophie […] nicht wahrgenommen“.
  • Ruge (Autor: Helmut Reinalter), ein „konsequenter Kämpfer gegen die herrschenden politischen Zustände und die politische Halbherzigkeit liberaler Opposition“. Als Paulskirchen-Parlamentarier „provozierte er in der Paulskirche eine tumultuarische Szene, indem er […] die Forderung nach nationaler Selbstbestimmung für die Polen und Italiener aufstellte. Die Reaktion auf seine Rede brachte ihn in die Position des Außenseiters“.
  • Feuerbach (Autor: Michael Jeske). Er habe „eine Kritik institutionalisierter Religiosität vorgelegt, die ihre Kraft bis auf den heutigen Tag nicht eingebüßt hat. […] In damaliger Zeit aber provozierten Feuerbachs richtungsweisende Ansichten den Konflikt mit der offiziellen Welt“, so Jeske: „Mit dem Scheitern der 1848er Revolution […] verblasste recht rasch auch Feuerbachs schriftstellerischer Ruhm.“
  • Stirner (Autor: Helmut Reinalter). Er war Mitglied der radikalen Freien-Kreises und außerdem Autor von Der Einzige und sein Eigentum: „Viele Zeitgenossen Stirners stimmten darin überein, dass dessen Werk kein philosophisches war, sondern mehr ein nihilistisches, antiphilosophisches Buch, ja sogar ein Pamphlet“.
  • Bauer (Autor: Massimiliano Tomba), ein „echter Reaktionär“, der sich selbst gern als „Einsiedler von Rixdorf“ bezeichnete, weil er eine „aristokratische Isolierung vom Rest der Welt“ pflegte. Er wurde „zur bahnbrechenden Figur eines Konservativismus, der in mehrfacher Hinsicht Vorläufer des Konservativismus des 20. Jahrhunderts war.“ Außerdem verdankt sich ihm die zu Beginn dieser Rezension verwendete Formulierung über das Beamtentum!
  • James’ (Autor: Andreas Hetzel) Werk galt für einigen „als Ausdruck eines amoralischen, nur auf den individuelle Erfolg abzielenden American Way of Life. Im Folgenden werde ich zu zeigen versuchen, wie weit eine solche Deutung am Gehalt des jamesschen Gedanken vorbeizielt“, so Hetzel, der James als einen „der Gründerväter und wichtigsten Exponenten des amerikanischen Pragmatismus“ bezeichnet.
  • Cassirer (Autor: Reinhard Margreiter) „lehnte die deutsche Mainstream-Ideologie ab, bei den Ideen von Aufklärung, Liberalismus und Demokratie handle es sich um ein dem ’deutschen Wesen’ fremdes, aus dem westlichen Ausland importiertes, aufgepfropftes Gedankengut. […] Es war daher folgerichtig, dass Cassirer in den 1920er Jahren zu einem der wenigen Verteidiger der Weimarer Republik auf akademischem Boden wurde.“ Damit war er ein Außenseiter, und ebenso wegen seines Judentums.
  • Rosenzweig (Autor: Wolfdietrich Schmied-Kowarzik), „ein sich zum Judesein bekennender deutscher Religionsphilosoph des beginnenden 20. Jahrhunderts. Damit ist schon viel darüber gesagt, weshalb sein Name und sein Werk für Jahrzehnte aus der deutschen Geistesgeschichte getilgt worden waren“, so Schmied-Kowarzik. Hinzu kam folgendes: „Durch seine Lähmungserkrankung, die ihn als 35jährigen ereilte, seinen frühen Tod sowie durch die bald nach seinem Tod einsetzende Judenverfolgung konnte Rosenzweigs Werk unmittelbar in seiner Zeit kaum Wirkung entfalten“.
  • Benjamin (Autor: Andreas Oberprantacher), dessen „Gedanken erst außerordentlich zeitversetzt Wirkungen zeigen“ und der zu Lebzeiten wegen seines Judentums als Außenseiter gelten konnte und deswegen, weil „ihm die Sprache der institutionalisierten Wissenschaft nicht unbedingt fremd war, eher dürfte er sie als inadäquat erachtet haben“. Ausdrücklich deswegen scheiterte er an seiner Habilitation. „Ein Leben, so unermüdlich und unbequem wie jenes von Benjamin, lädt tatsächlich zu philosophischen Randgängen ein“.
  • Bataille (Autor: Artur R. Boelderl). Er gehörte jener Gemeinschaft an, „die Bataille in einer berühmt gewordenen Wendung als Gemeinschaft derjenigen bezeichnet, die keine Gemeinschaft haben“ und war unter „Außenseiter der Philosophie nicht nur qua Schriftsteller“, so Boelderl: „Georges Bataille zählt zu den wichtigsten Denkern des 20. Jahrhunderts in französischer Zunge […]. Dieser Rang als einer der wichtigsten (französischen) Denker des 20. Jahrhunderts kommt Bataille nicht als Philosoph zu, sondern als Schriftsteller“.
  • Anders (Autor: Konrad Paul Liessmann), ein „Mitbegründer der Antiatombewegung“, der „in seiner Person eine provozierende Form der Inter- und Transdisziplinarität verkörperte“, sich „weder einer universitären Institution noch einem akademischen Schreibstil verpflichtet sah“ und daher „von der akademischen Philosophie jahrzehntelang ignoriert“ wurde.
  • Hannah Arendt (Autor: Anton Pelinka), Außenseiterin als Jüdin, als Frau, als „Grenzgängerin zwischen Philosophie und Sozialwissenschaften“. Außerdem „versteckte sich nicht in einer schwer zu verstehenden, politische Mehrdeutungen ausgesetzten Sprache“, so Pelinka, und sie wurde – ebenfalls ungewöhnlich für ihr Metier – „weltweit prominent“.
  • Der Charta-77-Sprecher und Samisdat-Autor Patocka (Autorin: Sandra Lehmann). Er war „nie in der Lage, sein Denken frei zu entfalten. Zunächst die Besetzung der Tschechoslowakei durch Nazi-Deutschland, später die Jahrzehnte des Realsozialismus der CSSR verhinderten sowohl eine Universitätskarriere als auch ungehinderte Publikationstätigkeit.“
  • Simone Weil (Autor: Wolfgang Palaver) war Außenseiterin als Jüdin und Frau und blieb es über ihren Tod hinaus. „Simone Weils Werk ist im Wesentlichen nach ihrem Tod und dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschienen. Krieg, Verfolgung und systematische Massenmorde mit all der damit einhergehenden Verzweiflung haben den Menschen die Augen für die oft auf den ersten Blick verstörenden Einsichten von Simone Weil geöffnet“.
  • Certeau (Autor: Barnaba Maj). Er gehört „zur Kategorie der bahnbrechenden Vorläufer“, und weil eine Speerspitze immer außen ist, ist er somit ein Außenseiter. Aber auch in einem anderen Sinne, nämlich seit seinem Zerwürfnis mit den Jesuiten. „Das blieb nicht ohne Folge für seine wissenschaftliche Laufbahn, weil Certeau sich in den Augen der Jesuiten verdächtig machte und für jene, die zur konfessionslosen Universität gehörten, weiterhin … Jesuit blieb.“

Wie nicht anders zu erwarten, liegt der Reiz dieses Buches in der Ansammlung „von besonderen Biographien und extremen Denkfiguren“. Die Schwierigkeit liegt in der unterschiedlichen Beitrags-Qualität verschiedener Beitrags-AutorInnen. Hier und da hätten die AutorInnen durchaus deutlicher herausarbeiten können, warum ihr Protagonist als Außenseiter gelten müsse. Barnaba Maj beispielsweise macht es sich zu einfach, wenn er nonchalant schreibt: „Michel de Certeau als Außenseiter der Philosophie zu bezeichnen, ist relativ unkompliziert.“ Die Begründung für diese Behauptung geht nämlich ziemlich unter.
Von uneinheitlicher Gefälligkeit und Eingängigkeit ist ferner der Schreibstil. Sicherlich, ein solches Buch ist erwartungsgemäß keine leichte Bettlektüre. Wünschenswert wäre allerdings eine derart flüssige Lektüre wie z.B. in den Beiträgen über La Mettrie und Hannah Arendt, die stilistisch meilenwert entfernt sind z.B. vom Feuerbach-Beitrag, der auf bemerkenswerte Weise diverse Unarten von Fachbeiträgen vereint. Nicht nur, dass im Feuerbach-Beitrag unnötige Fremdwörter auftauchen oder unnötiger Nominalstil (z.B. erbringt den Aufweis statt weist auf), nein, der Autor gebraucht z.T. auch eine altertümelnde Sprache (ward statt wurde oder das schöne Wort eingedenk) und beweist sogar, dass er auch ohne all diese stilistischen Unarten einen verrenkten Satz hinbekommt: „Am 28. Juli wurde Ludwig Andreas 1804, dem Todesjahr Kants, als vierter Sohn [usw.] geboren.“ Zumindest ich wunderte mich beim ersten Lesen, was 1804 doch für merkwürdiger Nachname sei…

ISBN 978-3-8260-4895-1 ; EUR 58,00


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