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„Glaube und Ethik der Scientology“ – ein neues Forschungsprojekt an der Hochschule Ludwigsburg

Religionsgemeinschaft? Sekte? Wirtschaftsunternehmen? Oder gar eine politische Vereinigung, die die Demokratie abschaffen will? Über keine Gemeinschaft aus dem weiten Bereich neureligiöser Bewegungen wird so kontrovers diskutiert, wie über die sog. Scientology-Organisation. Und wohl keine andere hat so viele gerichtliche Auseinandersetzungen bedingt und zu so gegensätzlichen Einschätzungen in der Rechtsprechung und Rechtswissenschaft geführt wie diese Gruppierung.

Der Grund dafür ist einfach: Obwohl seit Jahrzehnten über Scientology diskutiert wird, ist über ihre Dogmatik, ihre Aktivitäten und ihre Ziele wenig bekannt, auch wenn die Vielzahl an Büchern und sonstigen Publikationen zu dem Thema auf den ersten Blick einen anderen Eindruck vermitteln.

Dies liegt vor allem an der kaum überschaubaren und inhaltlich nur schwer zu durchdringenden Masse scientologischer Materialien. Allein der Gründer und langjährige Führer der Vereinigung L. Ron Hubbard soll über 5.000 Schriften verfasst und mehr als 3.000 Tonbandaufzeichnungen hinterlassen haben (vgl. Church of Scientology, Das Scientology Handbuch, 1994, S.787) – eine durchaus realistische Zahl. Dazu kommen eine riesige Menge an Kursunterlagen, Skripten, Büchern, und vielem mehr.

Nicht überall wo Scientology drin ist, steht Scientology drauf

Diese Masse bedingt es, dass Scientologen viele Jahre, oftmals Jahrzehnte brauchen, um auf die höchsten Stufen der sog. „Brücke zur völligen Freiheit“ zu gelangen – falls sie es (zeitlich und finanziell) überhaupt schaffen. Und sie führt leider auch dazu, dass Juristen, Buchautoren und andere, die sich mit Scientology befassen, den Aufwand einer umfangreichen – aber eben notwendigen – Recherche nur allzu oft und allzu gerne meiden. Dies gilt umso mehr, als Hubbard in Scientology ein Sprachsystem etabliert hat, das durch zahlreiche Wortschöpfungen und Redefinitionen geprägt ist, und das Außenstehenden das Verständnis erheblich erschwert.

Hinzu kommt, dass es eben gerade nicht „die“ Scientology Organisation gibt, sondern eine sehr komplexe Organisations- und Führungsstruktur etabliert wurde, die nur schwer zu durchdringen ist.

Ohne nähere Kenntnis der Strukturen, ist es oft nicht einmal erkennbar, dass man es mit einer scientologisch ausgerichteten Vereinigung zu tun hat – ein Problem, mit dem insbesondere die Kommunen konfrontiert sind. Dies gilt z.B., wenn der Verein „Sag NEIN zu Drogen – sag JA zum Leben“ oder die Initiative „Jugend für Menschenrechte“ aktiv werden. Dass und welche Verbindungen zur Scientology-Organisation bestehen, ist weithin unbekannt, so dass es schnell zu rechtlichen aber auch politischen Fehleinschätzungen kommen kann.

Forschung für die Praxis

Vor diesem Hintergrund wird seit Beginn des Wintersemesters 2012/2013 das Forschungsprojekt „Glaube und Ethik der Scientology“ durchgeführt. Es soll dazu beitragen, die Dogmatik der Vereinigung und ihre Ziele detailliert zu erschließen und transparent zu machen. Dadurch soll es Justiz, Verwaltung und Wirtschaft aber auch Kirchen, Politikern und interessierten Bürgern erleichtert werden, zu sachgerechten Einschätzungen über die Vereinigung und ihre Tätigkeiten zu gelangen.

Aufbauen kann diese Arbeit auf dem 2006 durchgeführten Forschungsprojekt „Scientology-Mythos und Wahrheit” (weitere Informationen unter: http://www.diringer-online.de/scientology-i.html).

Durch dieses erste Projekt konnten die Grundlagen der scientologischen Dogmatik und Handlungspraxis sowie die Organisationsstruktur erschlossen und in verschiedenen Veröffentlichungen dargelegt werden. Dazu zählte auch das von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen herausgegeben Buch „Die Brücke zur völligen Freiheit (siehe:  http://www.diringer-online.de/ezw-texte-188.html ), in dem die wesentlichen Erkenntnisse des Projekts zusammengefasst wurden.

Für die Forschungsarbeit standen schon damals weit über tausend Primärquellen der Vereinigung zur Verfügung, allein in dem Buch „Die Brücke zur völligen Freiheit“ sind mehr als 150 verschiedene Primärquellen als Belegstellen angegeben. Dazu zählen neben Büchern, Kursunterlagen und ähnlichem auch Scientology-interne Materialien.

Viel mehr und viel Neues – auch auf verwaltungmodern.de

Die auf Primärquellen basierende Arbeit kann in dem aktuellen Forschungsprojekt nochmals erheblich vertieft werden. In den vergangenen Jahren ist es gelungen eine Fülle neuer, in der Öffentlichkeit zumeist unbekannter Materialien der Vereinigung zu erwerben. Dazu gehören z.B. mehrere hundert Vorträge des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard, eine Vielzahl an Kursunterlagen, Mitglieder-Zeitschriften und vieles mehr. Allein von den für die Dogmatik und Handlungspraxis maßgeblichen Richtlinienbriefen und Bulletins stehen mehrere tausend für die Forschungsarbeit zur Verfügung.

Relevanz hat das Projekt aber nicht nur im Hinblick auf die Fülle der vorliegenden Materialien und die dadurch eröffneten Möglichkeiten. Vielmehr soll auch untersucht werden, welche Gefahren, sich für den Staat, die Wirtschaft und die Gesellschaft durch Scientology ergeben können. Dabei stehen auch aktuelle Entwicklungen im Fokus, die die bisherige (juristische) Beurteilung der Scientology-Organisation in Frage stellen könnten.

Die in dem Forschungsprojekt gewonnenen Erkenntnisse sollen in unterschiedlicher Weise für die Wissenschaft, die Praxis und die Lehre zur Verfügung gestellt werden. Dafür wird auch der Blog verwaltungmodern.de genutzt.

Und wie reagiert Scientology?

Schwer einzuschätzen ist, wie Scientology auf die Forschungsarbeit reagieren wird. Die Vereinigung ist nicht gerade als besonders kritikfähig bekannt, ihr Umgang mit Gegnern und Kritikern teilweise problematisch – vorsichtig ausgedrückt. Zudem kann die Organisation sehr anstrengend werden, wenn über sie berichtet wird. Das haben schon zahlreiche Redaktionen erfahren müssen, die von massenhaften E-Mails und Anrufen irgendwann völlig entnervt waren.

Als Weblog ist verwaltungmodern.de insofern natürlich besonders „gefährdet“, besteht hier doch die Möglichkeit (negative) Bewertungen abzugeben und jeden Beitrag zu kommentieren. Gerade beim Thema Scientology besteht dabei leicht die Gefahr, dass es auch zu persönlichen Angriffen kommt – eine Erfahrung, die auch der Leiter des Projekts an anderer Stelle bereits machen musste. Soweit und solange Kommentierungen und Anmerkungen sachlich bleiben, wäre eine Diskussionsteilnahme jedoch nicht schlimm – im Gegenteil.

Es ist nicht nur legitim, die eigene Sicht der Dinge darzulegen. Eine freiheitliche Demokratie zeichnet sich auch dadurch aus, dass jeder bereit ist mit jedem zu diskutieren, unabhängig davon, ob man dessen Meinung teilt, sie ablehnt oder sogar verabscheut. Und auch für die Wissenschaft sind Diskussionen geradezu ein Lebenselixier. Kritik, mag diese auch noch so subjektiv sein, ist stets geeignet, die wissenschaftliche Erkenntnis voranzubringen – unabhängig davon, ob sie bisherige Einschätzungen tatsächlich in Frage stellen kann oder diese letztlich bestätigt.

Wie Scientology hier im Blog und auch ansonsten auf das Forschungsprojekt tatsächlich reagieren wird, wird man sehen. Und auch das ist ein Bestandteil des Forschungsprojekts – vielleicht sogar der interessanteste.

3 Kommentare

  1. geschrieben am 2. Januar 2013 um 22:51 Uhr | Permalink

    Für eine Darstellung ist nicht nur wichtig, dass sie auf Primärquellen basiert, sondern sie richtig interpretiert werden. Dazu muss auch dazu die gelebte Wirklichkeit in Scientology berücksichtigt werden.

  2. RBoeck
    geschrieben am 4. Januar 2013 um 11:12 Uhr | Permalink

    Ich finde den Artikel phasenweise recht gut, doch sieht man auch hier, dass die ewigen Tiraden der Massenmedien an dem Autor/den Autoren nicht spurlos vorbeigegangen sind. Beispiel: natürlich werden Redaktionen von “massenhaften E-Mails und Anrufen” überhäuft, wenn sie bewiesenermaßen Unwahrheiten drucken, die dann von 10.000den< von Menschen gelesen werden und nicht bereit sind, trotz Widerlegung, sich zu berichtigen oder trotzdem weiter diese falschen Daten verbreiten. Das ist nur natürlich und sollte sogar gemacht werden, da die meisten Massenmedien sich zwar auf ihre Recht auf freie Meinungsäußerung berufen, jedoch das Recht auf Privatsphäre, Religionsfreiheit und die Menschenwürde völlig außer Acht lassen! Und wenn jeder nur auf seine Freiheiten pochte, seine Pflichten oder die Rechte der anderen dabei jedoch ignoriert, funktioniert die ganze Rechnung nicht!
    Ein anderes Beispiel: es wird davon gesprochen, dass "Hubbard in Scientology ein Sprachsystem etabliert hat, das durch zahlreiche Wortschöpfungen und Redefinitionen geprägt ist, und das Außenstehenden das Verständnis erheblich erschwert." Auch dies ist nicht wirklich war. Ohne Frage gibt es eine eigene Terminologie, doch diese ist nicht umfangreicher, als die anderer Fachgebiete und da Scientology tatsächlich eine Wissenschaft ist, ist eine eigene Terminologie nur verständlich. Es würde einem Laien viel schwerer fallen, sich in das Fachgebiet der Psychologie oder der Physik als Beispiel anzuarbeiten. Aber dies sollte eigentlich als Recherchearbeit vorausgesetzt werden, außerdem legen Scientologen sehr viel Wert auf gute Definitionen (besonders von Schlüsselwörtern), weshalb es umfangreiche Glossare gibt. Sie sehen also, auch dies kann ich als Scientologe nicht gelten lassen!
    Ich denke, der Hauptpunkt ist die Einstellung: will man wirklich verstehen, ist man bereit objektiv an die Sache heran zu gehen, oder ist man es nicht. Und viele (besonders Reporter) sind es !bewusst! nicht. Dies kann ich aus eigener Erfahrung mit Reportern sagen.

    Für weitere Fragen stehe ich – im Chat oder per Mail, sie haben ja jetzt meien Adresse – gerne zur Verfügung!

  3. geschrieben am 29. November 2013 um 20:33 Uhr | Permalink

    Sicher ist die Reaktion der Scientology (der Scientologen) eine interessante Angelegenheit. Für mich als Scientologe ist umgekehrt interessant wie sich Herr Diringer den Scientologen gegenüber verhalten wird. Bereits dieser Artikel hat eindeutig eine parteiische Note. Eine wirklich wissenschaftliche Herangehensweise würde zum Beispiel nie dulden, dass nur “die Gefahren” die von etwas ausgehen untersucht werden sollen, vielmehr würde eine wissenschaftliche Methodik die Auswirkungen in beide Richtungen, negativ und positiv untersuchen.
    Zitat: “Vielmehr soll auch untersucht werden, welche Gefahren, sich für den Staat, die Wirtschaft und die Gesellschaft durch Scientology ergeben können.”
    Na da haben wir es doch, die Möglichkeit dass Scientology auch einen Nutzen haben könnte, scheint bereits im Vorherein ausgeschlossen zu werden. Stümperhaft, aber sicher nicht wissenschaftlich!

2 Trackbacks

  1. [...] für Personal und Arbeitsrecht. Er hat über Scientology promoviert und führt derzeit ein Forschungsprojekt über “Glaube und Ethik der Scientology” [...]

  2. [...] Arbeitsrecht. Er hat über Scientology promoviert und führt derzeit ein Forschungsprojekt über “Glaube und Ethik der Scientology” durch. Ich bin gespannt, ob es ihm gelingt eine unabhängige, wissenschaftliche Arbeit [...]


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