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Frank Sirocko, “Geschichte des Klimas” (Rezension)

’Die Durchschnittstemperaturen mögen sinken oder steigen: solange darüber nicht kommuniziert wird, hat dies keine gesellschaftlichen Auswirkungen’, hat Luhmann schon 1986 geschrieben. Luhmann starb, als die 4. UN-Klimakonferenz gerade lief, für nächsten Monat ist die 19. UN-Klimakonferenz geplant, und man hat nicht immer den Eindruck, dass eine derartige Konferenz-Kommunikation großartige gesellschaftliche Auswirkungen hätte – der arme Professor Doktor Luhmann möge sich da noch so sehr im Grab umdrehen! Besser ergeht es hoffentlich Professor Doktor Sirocko mit seinem in der schönen Schriftenreihe Theiss WissenKompakt erschienenen Buch Geschichte des Klimas, einem anschaulichen Überblick „zu einem hochemotionalen Thema“, bei dem sich der Laie mit einem „Durcheinander von verschiedenen Meinungen und kontrastierenden Darstellungen und Prognosen“ konfrontiert sieht, so Sirocko im Vorwort des Buches. Das Buch greift „in Teilen zurück auf mein Buch ’Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung’ […]. Schwerpunkt war damals aber die Menschheitsentwicklung. In diesem Buch steht dagegen das Klima im Vordergrund“, meint Sirocko über sein laut Verlagsangaben mit 68 Abbildungen, 38 Zeitreihen und Diagrammen, Sachregister, Zeittafel und Glossar versehenes Werk; außerdem verfügt das Buch selbstverständlich über ein Literaturverzeichnis.

Die ersten Kapitel des Buches dokumentieren, wie die Erforschung des Klimas der Vergangenheit „die Zeitskalen wohl aller bedeutenden langfristigen Prozesse der Klimasteuerung im Grundsatz“ herausgearbeitet hat: Kapitel 1 bis 3 widmen sich den wichtigsten Prozessen im Klimasystem. Sie zeigen unter anderem, dass Klimaarchive (z.B. Eisbohrkerne oder Tropfsteine in Höhlen) als Klima-Anzeiger „unverzichtbare Werkzeuge der Klimarekonstruktion“ sind oder stellen die vier wichtigen externen „Global Player“ des Klimasystems vor: „die Konstellation zwischen Erde und Sonne, […] die Strahlungsaktivität der Sonne selbst, und die Konzentration der Treibhausgase und Vulkaneruptionen, die die Atmosphäre trüben.“ Die vier „Global Player“ ergänzend wirken „interne Prozesse des Klimasystems, die miteinander in Wechselwirkung treten. Es werden in diesem Buch aber immer erst einmal die externen grundlegenden Mechanismen betrachtet werden, um die Prozesse herauszuarbeiten, die wirklich am Beginn der Wirkungsketten stehen.“ Der Grund für Sirockos ausführlichen Blick auf die Klimageschichte? Er leiste Hilfestellung bei der „Prognose des zukünftigen Klimas und Wetters unter menschengemachten Treibhausgasbedingungen“.

„Für das Verständnis der Entwicklung menschlicher Kultur ist die Kenntnis der Umweltbedingungen – und diese sind weitgehend klimagesteuert – eine wichtige Voraussetzung.“ Im Vierten Kapitel begibt sich Sirocko daher „auf eine Zeitreise durch die Entwicklung des globalen Klimas und der Klimageschichte Mitteleuropas im Besonderen.“ Der Leser erfährt dabei nicht nur etwas über Dinge wie das Eozäne Temperaturmaximum oder den „8,2-ka-Event“, sondern auch über die Auswirkungen der naturbedingt schwankenden „Klimadynamik“ auf die Menschwerdung oder, natürlich, auf Flora und Fauna. „Man denke an den Megalozeros, den Riesenhirsch, dessen ’unvernünftig’ großes Geweih eine sichere Schneeschutzwand lieferte, wenn die Gruppe im späteiszeitlichen Schneesturm in einer vegetations- und deckungslosen Landschaft überleben wollte.“ Klimaänderungen wirkten allerdings nicht nur auf die prähistorische Menschheitswerdung und –entwicklung, sondern auch auf die dokumentierte Historie. Dafür seien nur drei der von Sirocko genannten Beispiele aufgeführt:

  • „Schaut man auf das Römische Reich […] aus klimatischer Sicht, so waren es vermutlich nur zwei kleine, aber wesentliche klimatische Situationen, die ganz eng mit der Blüte und dem Zerfall des Reiches verbunden waren: In der Blütezeit gab es im Mittelmeerraum einige Tage mit Sommerregen, die Getreideanbau erlaubten, danach war es in Nordafrika zu trocken. In der Krisenphase ab 250 AD konnten die Germanen entlang der gefrorenen Flüsse auf Beutezug gehen und letztendlich sogar ganze Völker durch Mitteleuropa hindurch in das römische Territorium führen“, während die Germanen in den Zeiten vor der winterlichen Vereisung großer mitteleuropäischer Flüsse und Ströme nicht diese ’Autobahnen’ nutzen konnten, sondern „die Sümpfe und dichten Wälder Germaniens“ als „schwer zu überwindendes Hindernis“ vorfanden, durch die hindurch eine große Völkerwanderung schier unmöglich war.
  • Den durch kalte Winter ermöglichten Germaneneinfällen des 3. Jahrhunderts folgten in den 70er Jahren des 4. Jahrhunderts die Hunnen: „Der erste Hunnensturm erfolgte […] in keiner klimatisch extremen Zeit, stieß aber in ein vom Hunger geschwächtes Mitteleuropa vor“, wobei der Hunger durch feuchtkalte Sommer und entsprechend schwache Ernte verursacht worden sei.
  • Ebenso, wie die Folgen des Hungers den Hunnensturm begünstigten, begünstigen die verheerende Folgen des Jahrtausendhochwassers 1342 später dann „die schnelle pandemieartige Ausbreitung der Pest, die ab 1348 über Europa hinwegzog.“

Wie man merkt, war ich bei der Lektüre des Sirocko-Buches von den Auswirkungen der Klima- auf die Menschheitsentwicklung besonders fasziniert. Damit kein falsches Bild vom Inhaltsspektrum des Buches entsteht, folgt daher nun rasch ein Blick auf die Bandbreite der im Buch enthaltenen 20 Exkurse, die durch kleine und große Info-Kästchen abgesetzt werden und ein gutes Bild jenes grundlegenden Wissens bieten, das Sirocko in dem Buch kompetent und fundiert bündelt. In besagten 20 Exkursen geht es um

„Klima ist geografisch definiert als der mittlere Zustand des Wetters über einen Zeitraum von 30 Jahren. […] Diese Mittelwertzeitreihe muss allerdings 30 Jahre vor heute abbrechen, denn sonst müssten wir das zukünftige Wetter in die Berechnung ja mit einbeziehen“, so Sirocko differenziert. „Gibt es nun einen Klimawandel in Mitteleuropa – oder nicht? Antwortet man rein statistisch, muss man sagen, er deutet sich für die Jahre nach 1990 ganz klar an, ist aber noch nicht signifikant.“ Im letzten Kapitel des Buches widmet Sirocko sich daher den „brennenden offenen“ Fragen zum Thema menschgemachter Klimawandel. „Die große Herausforderung für die Zukunft ist […], aus dem Verständnis der langfristigen Prozesse die Entwicklungen in der Zukunft abzuleiten. Dies könnte man eigentlich rein statistisch angehen, indem man die Zeitreihen aus der Vergangenheit auf periodische Strukturen und Schwellenwerte untersucht und daraus in die Zukunft prognostiziert. Dabei stößt man aber auf zwei ganz grundlegende Schwierigkeiten. Zum einen haben wir es derzeit mit einem Treibhauseffekt zu tun, den es so in der Vergangenheit noch nie gegeben hat; zum anderen gibt es im Klimasystem Prozesse, die völlig ohne periodische Struktur sind und nicht mathematisch beschrieben werden können“, stellt Sirocko über unser CO2-Experiment fest. Selbst ein sofortiger Stopp des Experiments nütze allerdings nichts: Das Klimasystem ist „noch nicht im Gleichgewicht […], sondern passt sich derzeit an.“ Ist die Tatsache, dass wir noch nicht alle Details über die Folgen des Klimawandels wissen, allerdings ein Grund, die Hände in den Schoß zu legen – es könnte ja sein, wir profitieren vom Wandel? Sirocko meint: Nein. „Die Vergangenheit lehrt uns, dass Klimaänderungen eine der größten Bedrohungen für die Menschheit waren. Dabei ist das Klima selbst nicht unbedingt entscheidend; erst wenn die Nahrungsmittelproduktion beeinflusst wird, reagieren Menschen durch Migration oder gewalttätige Auseinandersetzungen, in deren Folge dann Krankheiten ausbrechen und Gesellschaften instabil werden.“ Die Hände nicht in den Schoß zu legen, dafür spricht auch eine von Sirocko vorgebrachte interessante Zukunftsvision: „Ich persönlich bin […] vollständig davon überzeugt, dass man irgendwann in Bezug auf das Treibhausgas Kohlendioxid vollständig umdenken wird, und das atmosphärische CO2 nicht mehr als Problemstoff sieht, sondern als Lagerstätte. Irgendwann wird man in den Regionen starker Sonneneinstrahlung das CO2 aus der Atmosphäre sequestrieren“ und es dort in Thermiekraftwerken zu Methan reduzieren. Die dafür notwendige Energie lieferten Solarkraftwerke; Stichwort: Desertec. Im Gegensatz zu Desertec sieht Sirocko eine andere Art des Energietransports vor: Das in den Thermiekraftwerken produzierte Methan werde „über Pipelines in die Industriestaaten transportiert, wo es erneut verbrannt (oxidiert) werden kann. Ein solcher Kreislauf ist in sich geschlossen und kann nachhaltig so lange betrieben werden, wie die Sonne ihre Energie abstrahlt. Wichtig ist nur, dass man diesen Kreislauf implementiert, bevor das CO2 in der Atmosphäre bedrohliche Konzentrationen erreicht hat. Die Modelle sagen z.B. ein Schmelzen des grönländischen Eisschilds bei spätestens 600 ppm CO2 voraus; das Meereis der Arktis ist sogar heute schon im Schmelzen begriffen. Wir müssen also heute beginnen, wenn wir morgen eine Zukunft haben wollen.“

ISBN 978-3-8062-2711-6; EUR 19,95


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