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Ernst Peter Fischer: “Warum Spinat nur Popeye stark macht” (Rezension)

Trotz der aktuellen Fastenzeit: Schokolade ist erlaubt. Sogar kirchlicherseits. Und außerdem, so heißt es oft, macht Schokolade glücklich. Doch stimmt das überhaupt? „Wer Schokolade isst, so hört man immer wieder, steigert seinen Serotoninpegel und damit seine Stimmung. Das ist gar nicht so falsch, allerdings: Kartoffeln und Müsli bewirken dasselbe“, stellt Ernst Peter Fischer in seinem Buch Warum Spinat nur Popeye stark macht fest. Außerdem, so Fischer über Schokolade verglichen mit Spinat, enthalte Spinat weniger Eisen als Schokolade. Der Spinat-Mythos ist dabei nur einer von vielen, derer sich Fischer in seinem immens klugen Buch mit dem Untertitel Mythen und Legenden in der modernen Wissenschaft annimmt. In dem Buch geht es „um die kleinen und die großen Fehler, die sich im öffentlichen Verständnis der Naturwissenschaften breitgemacht haben, sich hartnäckig als Mythen und Legenden halten und ein allgemeines Verstehen von Wissenschaft […] blockieren und mehr oder minder verhindern.“ Fischers Anliegen ist es, die „Trägheit des Geistes zu überwinden“, die diese Mythen und Legenden am Leben erhält. Einen Teil ihrer Hartnäckigkeit, so Fischer, kann man „mit dem rigorosen Festhalten an Wunschvorstellungen erklären. […] Ein anderer Teil der Langlebigkeit von Legenden kann dem gesunden Menschenverstand zugesprochen werden, der stets auf der Suche nach unmittelbar einleuchtenden Erklärungen ist“, auch wenn diese nicht unbedingt stimmen.
Fischer bemüht sich in den für sich abgeschlossenen Artikeln mit seinem Kolumnen-Stil, „wissenschaftliche Einsichten einem Publikum zu vermitteln, das gern Galerien besucht und philosophischen oder soziologischen Themen lauscht“. Entsprechend ist Fischers Buch  mancherorts wissenschaftsphilosophisch angehaucht, und wissenschaftshistorisch außerdem. Mit gutem Grund, wie Fischer im Letzten Textabschnitt (Nachklang) behauptet: „Ohne die Dimension der Geschichte versteht man die moderne Wissenschaft nicht. Ohne die Dimension der Zeit lassen sich auch keine Legenden ausräumen, die ja einmal aus meist verständlichen Gründen entstanden sind und danach erst angezweifelt und verworfen oder abgelöst werden konnten. Und ohne die Dimension der Entwicklung verstehen wir auch nicht, welche Rolle die Wissenschaft tatsächlich in der Formung unserer Gegenwart – also in der Geschichte unserer auf Wissen basierenden Gesellschaft – spielt.“ Besagte Dimension der Entwicklung bildet auch einen Schwerpunkt des Ersten Textabschnitts von Fischers Buch (Die kleinen und die großen Fehler): „Den ernst zu nehmenden und nachwirkenden Fehler begehen wir dadurch, dass wir meinen, Tatsachen seien unveränderlich, und zwar vor allem dann, wenn es sich um sogenannte wissenschaftliche Tatsachen handelt, die durch möglichst viele Zahlen untermauert werden“. Einen weiteren „grandiosen Irrtum über die Wissenschaft“ sieht Fischer darin, „dass wir denken, Wissenschaft bringe Erklärungen zustande, mit deren Hilfe etwas verstanden wird und wodurch das Fragen dann zum Abschluss kommt. […] Genau dies ist nicht der Fall, wenn man sich erinnert, was große und kleine Forscher ständig […] sagen. Mit jeder Antwort, so kann man da erfahren, stellen sich neue Fragen, und zwar mehr als vorher.“ 

Die vier Haupt-Textabschnitte zwischen dem Ersten Textabschnitt (Die kleinen und die großen Fehler) und dem Letzten Textabschnitt (Nachklang) tragen die Überschriften Menschliches, Methodisches, Kulturelles und Praktisches, wobei man sagen muss, dass manch ein Artikel, der in dem einen Textabschnitt steht, genauso gut in einen anderen Textabschnitt stehen könnte – aber für solche Fälle verfügt das Buch schließlich über ein Register (Literaturhinweise gibt es ebenso).
Die Artikel im Textabschnitt Menschliches beschäftigen sich z.B. mit den Themengebieten Religion und Wissenschaft oder mit populären Irrtümern über Galileis Wirken. Ferner wundert sich Fischer u.a. über so manche Nobelpreisvergabe (warum z.B. Otto Hahn und nicht Lise Meitner?) und setzt sich für die Personalisierung und damit Popularisierung von Naturwissenschaft ein. Eine sehr populäre Person im Wissenschaftsbetrieb (Albert Einstein) ist allerdings laut Fischer prompt der Gegenstand einiger Mythen und Legenden. Zu nennen wäre da die Mär vom schlechten Schüler. „Einstein war eine Zeitlang in der Schweiz zur Schule gegangen, und dort wurden Noten als Punkte gegeben. Eine Eins in Deutschland entsprach (und entspricht heute noch) einer Sechs in der Schweiz. Leider hat sein erster Biograph dies nicht bemerkt.“ Einstein war also kein schlechter Schüler. „Auch beim Studium entsprachen seine Leistungen den Anforderungen; seine Lehrer bemängelten an ihm etwas anderes: ’Sie sind ein gescheiter Junge […] aber sie haben einen großen Fehler: Sie lassen sich nichts sagen’“, so Fischer: „Im heutigen Sprachgebrauch würde man Einstein als anti-autoritär bezeichnen. Er amüsierte sich über alle, die sich als Autorität aufspielten“.
Die Artikel im Abschnitt Methodisches beschäftigen sich u.a. mit dem mythischen Zusammenhang zwischen Reproduzierbarkeit und Wissenschaftlichkeit, mit geschönten Experimental-Daten sowie Poppers Standpunkt zum Induktionsproblem und Falsifizierbarkeit, mit dem Gödelschen Unvollständigkeitssatz sowie dem Phänomen der Überabzählbarkeit, mit sich widersprechenden wissenschaftlichen Antworten, die dennoch Antworten sind (z.B. Welle-Teilchen-Dualismus), oder aber mit  fuzzy logic: „Wenn die Komplexität eines Systems zunimmt, wird unsere Fähigkeit geringer, präzise und zugleich signifikante Aussagen über sein Verhalten zu machen“, zitiert Fischer Lotfi Zadeh: „Je genauer man sich ein Problem der realen Welt anschaut, desto fuzziger wird seine Lösung.“ Außerdem macht Fischer klar, dass auch Wissenschaft dem Zeitgeist und Modeströmungen unterliegt und erklärt Galileis Behauptung für Unsinn, das Buch der Natur sei in der Sprache der Mathematik geschrieben. „Diese Behauptung trifft keinesfalls zu, wie Gegenbeispiele aus der Geschichte zeigen, die nach ihm kam. Die Gegenbeispiele lieferten etwa Michael Faraday, Charles Darwin und James D. Watson, die weder Mathematik konnten noch brauchten, um in den Wissenschaften berühmt zu werden, weil sie im Buch der Natur gelesen, etwas verstanden und uns mitzuteilen hatten.“ 

„Leider gehört es in Deutschland zu dem Ritual einiger Geisteswissenschaftler, den Naturwissenschaften die geistigen Qualitäten abzusprechen, die sie in Wirklichkeit besitzen und die man viel stärker propagieren sollte, um das Verständnis für diese leider immer noch geheimnisvolle Macht zu verbessern, die das Leben in unserer Gesellschaft viel stärker bestimmt, als vielen gut informierten Beobachtern klar zu sein scheint“, meint Fischer in dem Vierten Textabschnitt (Kulturelles). In Kulturelles liefert Fischer nicht nur einige Hinweise, dass Naturwissenschaften die Kunst beeinflusst hätten, sondern stellt sogar fest, dass die Naturwissenschaften die Welt romantisieren (!), zumindest, wenn man der Romantik-Definition von Novalis folgt, die Fischer schon einmal in seiner Kolumne Im Gegenteil thematisiert hat. Neben Geisteswissenschaftlern, die über Naturwissenschaftler die Nase rümpfen, widmet Fischer sich auch Zeitgenossen, die sich zu Unrecht über vermeintlich rückständige mittelalterliche Geographie lustig machen: „Es scheint uns aufgeklärten Menschen Spaß zu machen, die Alten als dumm darzustellen.“ Apropos lustig machen: Der letzte Artikel dieses Text-Abschnittes beschäftigt sich mit dem Mythos Es gibt keine Witze über die Wissenschaft, was Fischer locker u.a. mit einem witzigen Dialog widerlegt (Protagonist: Nils Bohr) oder mit einem Pauli-Bonmot: „Das war ein Feuerwerk von Ideen – also viel Lärm und wenig Licht.“
Ein Feuerwerk von Ideen (inklusive Erleuchtung) liefert auch der Fünfte Text-Abschnitt. Er heißt Praktisches, könnte über weite Strecken genauso gut Medizinisch-Biologisches heißen, beschäftigt sich u.a. mit dem modernen Mythos der unterschwelligen Werbung, gibt aber zu Beginn vor allem die zwei Vreeman/Carroll-Artikel Medical myths und Festive medical myths wieder, und zwar zumindest hinsichtlich des ersten Artikels genau in der ursprünglichen Reihenfolge (wobei Fischer den Mythos Eating turkey makes people especially drowsy weglässt, wahrscheinlich, weil Truthahn-Essen in Deutschland wenig verbreitet ist). Nicht immer übrigens bezieht Fischer sich in den entsprechenden Artikeln ausdrücklich auf Vreeman/Carroll. Das gibt mir den Anlass, endlich das Hauptmanko dieses Buchs zu benennen: Fischer recycelt Ideen und veröffentlicht sie ein zweites Mal in überarbeiteter Form. Von Vreeman/Carroll abgesehen sind es, soweit ich das beurteilen kann, seine eigenen Texte. Das ist legitim, weil es die Produktivität eines Autors steigert und damit dessen Geschäftstüchtigkeit beweist. Allerdings weiß ich nicht, ob der Südkurier weiß, dass z.B. seine Zeitungs-Artikel Als die Welt ohne Amerika war (20.07.2011) oder Mein Freund, das Virus (27.07.2011) hochgradig mit je einem Kapitel im Popeye-Buch übereinstimmen. Redlich wäre es vom Verlag und/oder Autor, im Klappentext, auf dem Umschlag oder wenigstens im Vorwort auf solches Recycling hinzuweisen. Das gilt insbesondere, weil nicht auszuschließen ist, dass ein Fischer-Fan vor fünf Jahren das Fischer-Buch Irren ist bequem gelesen hat. Meiner Ansicht nach gibt es nämlich bemerkenswerte Überschneidungen zwischen beiden Büchern, bis hin zu den Kapitelanfängen. Beispiel: der Anfang des jeweiligen Kopernikus-Kapitels. In Irren ist bequem lautet er: „Wenn von der Kopernikanischen Wende die Rede ist, scheinen sich alle auszukennen.“ Im Popeye-Buch: „Bei Kopernikus scheint alles seine Richtigkeit zu haben. Wir kennen uns aus.“ Ein weiteres Beispiel gefällig? Gerne: der Anfang des jeweiligen Fleming-Kapitels. Im Popeye-Buch beginnt der erste Absatz wie folgt: „In Quizsendungen wird immer noch gern gefragt, wer das Penicillin entdeckt hat: Alexander Fleming (1881-1955) natürlich.“ In Irren ist bequem findet sich im zweiten Absatz des Fleming-Kapitels: „Die Frage kommt immer wieder in Kreuzworträtseln und Quizsendungen vor, und die Lösung findet bzw. das Preisgeld bekommt dabei, wer brav mit ’Alexander Fleming’ antwortet.“ Fischer setzt also die Verwertungskette von Irren ist bequem im Popeye-Buch fort, was um so erwähnenswerter ist, wenn man berücksichtigt, dass schon Irren ist bequem Fischers seit Mitte 2005 erscheinende montägliche Welt-Kolumne Im Gegenteil recycelte. Vor solch einer dreigliedrigen Verwertungskette ziehe ich ehrfürchtig meinen Hut, allerdings würde ich dafür nicht meine Geldbörse ziehen, sofern ich eines drei Kettenglieder schon kenne. 

ISBN 978-3-570-55123-3; EUR 14,99


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