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Carlos Collado Seidels „Die Basken“ (Rezension)

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber in meinem Hirn hat sich über Die Basken (so der Titel des hier besprochenen Buches) ein Bild wie das von Asterix und Obelix festgesetzt. Etwa so: Wir befinden uns im Jahre 2010 n. Chr. Ganz Europa ist von der indogermanischen Sprachfamilie besetzt …Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Basken bevölkertes Bergland hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Sollten Sie (so wie ich) dieses allzu possierliche Bild korrigieren wollen, so bietet Ihnen das Buch Die Basken von Carlos Collado Seidel seit letzten Monat eine Möglichkeit dazu, sich über baskische Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und etwas Kultur zu informieren. „Dieser Band will einen Einblick in die vielschichtigen und vor allem jenseits der Geschichtswissenschaft außerordentlich kontrovers diskutierten Zusammenhänge der baskischen Vergangenheit geben, die mit all ihren Widersprüchen und Spannungsfeldern im Bewusstsein einer modernen baskischen Identität diesseits und jenseits der Pyrenäen präsent sind“, meint Collado Seidel in der Einleitung seines Buches, das seinen Schwerpunkt im spanischen Baskenland findet und leider über kein Register, jedoch über ein Literaturverzeichnis sowie zwei Karten verfügt. Wie üblich für Taschenbücher aus der Beck’schen Reihe ist das Buch äußerst informativ und sachlich geschrieben, sehr sachlich. Nebeneffekt: dass es nicht viel zu schmunzeln gibt. Außer dann vielleicht, wenn Collado Seidel aus Tucholskys Pyrenäenbuch zitiert, Stichwort baskischer Stolz: „Ein Graf von Montmorency rühmte einst vor einem Basken das Alter seines Namens, seines Adels, seiner Familie, rühmte, von welch großen Männern er abstammte. Der Baske erwiderte: ’Wir Basken, Herr Graf: wir stammen überhaupt nicht ab!’“

Womit wir beim Beginn der baskischen Geschichte wären: Er bleibt ziemlich im Dunkeln, ebenso wie die Herkunft der einzigartigen baskischen Sprache, die früher weiter verbreitet gewesen sein dürfte als heute. „Eindeutige Toponyme baskischen Ursprungs in […] Gegenden wie dem Rioja, den Zentralpyrenäen oder der Gascogne lassen Rückschlüsse auf eine weit über das gegenwärtige Verbreitungsgebiet hinausgehende sprachliche Verankerung des Baskischen zu.“ Dann aber kamen, wie bei Asterix und Obelix, die Römer. „Die auf der Iberischen Halbinsel und im gallischen Raum angestammten Sprachen wurden sukzessive und nahezu flächendeckend durch das Lateinische verdrängt, aus dem sich wiederum in den folgenden Jahrhunderten die verschiedenen romanischen Sprachen entwickelten.“ Außer im Baskenland. Als die Römer wegen der Völkerwanderung perdu waren, entzog sich der baskische Raum weitgehend auch der Völkerwanderung und deren Folgen, konkret: der westgotischen Kontrolle. Und bei der Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Moslems blieben die Basken ebenfalls „am Rande des Geschehens. So drangen die arabisch-berberischen Stämme nicht in die schwer zugänglichen und wirtschaftlich uninteressanten Gebirgsgegenden im Norden dauerhaft vor, sondern ließen sich wie schon ihre römischen und westgotischen Vorgänger in den fruchtbaren Gegenden und damit auch im Ebrobecken nieder“, berichtet Collado Seidel. „Wenngleich ein Großteil der baskischen Stämme von den muslimischen Eroberungszügen nicht unmittelbar betroffen war, wird ihre historische Entwicklung dennoch maßgeblich durch die Auseinandersetzung zwischen den am nördlichen Rand der Halbinsel entstehenden christlichen Herrschaftsgebieten und den Herrschern von Al-Andalus geprägt.“ Für die Basken, die in ihrer Geschichte „nie ein eigenständiges Herrschaftsgebiet gebildet“ haben, folgten wechselnde territoriale Zugehörigkeiten ohne Rücksichtnahme auf ihre kulturelle Zusammengehörigkeit. „Entsprechend den politischen Entwicklungen beiderseits der Pyrenäen fiel der baskische Raum […] an unterschiedliche und sich verändernde Territorien und wurde Teil der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklung.“ Damit verschwindet der französische Teil des Baskenlandes endgültig aus Collado Seidels Hauptaugenmerk. Für weite Strecken dient in der Folge die traditionelle baskische Rechtsordnung als roter Faden in der Geschichte: der fuero nuevo von 1526. „Politisch waren die Basken nun dem Grundsatz nach gleich. Dies hatte eine überaus weitreichende und bis heute ausstrahlende Wirkung auf das baskische Selbstverständnis“, so Collado Seidel über das Foralsystem: „Es zählt neben der Sprache auch heute noch zu den wichtigsten Trägern des baskischen Selbstverständnisses, werden doch hieraus die sogenannten ’baskischen Freiheiten’ abgeleitet“.
Etwa in die Zeit des fuero nuevo mit seinem „stark verankerten Subsidiaritätsprinzip“ fallen auch erste Ansätze späterer baskischer Schwerindustrie, die neben Seefahrt und –handel, Fisch- und Walfang eine Stütze baskischen Wirtschaftslebens war. „Schätzungen zufolge stammten Mitte des 16. Jahrhunderts fünfzehn Prozent der gesamten europäischen Eisenproduktion aus dem Baskenland“, doch Innovationsmängel „ließen diesen Industriezweig im Verlauf des 17. Jahrhunderts immer stärker ins Hintertreffen geraten“, ehe er während der Industrialisierung wieder aufstieg. „Die Blütezeit der baskischen Eisenerzförderung lag in den zwei Jahrzehnten zwischen 1890 und 1910. Spanien entwickelte sich in dieser Zeit zum größten Eisenerzexporteur Europas. […] Die Schwerindustrie und die Metallverarbeitung blieben auf lange Zeit die dominierenden Industriezweige“, was dem Baskenland später die gleichen Strukturwandel-Probleme wie dem deutschen Ruhrgebiet eintrug. Wie anderswo in Europa brachten Aufklärung, Französische Revolution und Industrialisierung den Aufstieg des Bürgertums in Spanien mit sich. „Wie anderswo in Europa begann auch hier eine langwierige und häufig von Gewalt begleitete Konfrontation zwischen dem bürgerlichen Liberalismus und der Reaktion, die sich gegen die Moderne sperrte und die Gesellschaftsordnung des Ancien Régime als Leitbild beibehielt. Die Geschichte Spaniens sollte bis weit in das 20. Jahrhundert hinein durch die Auseinandersetzung zwischen den als ’zwei Spanien’ in die Geschichte eingegangenen politischen Lagern gekennzeichnet sein.“ Gleichzeitig schrieb man das Wort Nation spätestens seit der Französischen Revolution groß (und das nicht nur, weil es ein Nomen ist). Das Foralsystem galt dem bürgerlichen Eliten Spaniens nun „aus einer gesamtspanischen Perspektive heraus“ als „störender Sonderfall“ und „Anachronismus für das Selbstverständnis der liberalen Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts.“ Es begann ein „Rückzug auf Raten“ des Foralsystems. Hinzu kamen noch andere Dinge: „Die rasante industrielle Entwicklung, die massive Zuwanderung und der daraus resultierende soziale Wandel in den baskischen Küstenregionen hatten weitreichende Auswirkungen auf die angestammte Bevölkerung. Diese hatte bis dahin in weitgehend starren sozialen Strukturen gelebt und war traditionellen Denkmustern verhaftet. Neben einem damit verbundenen Gefühl der Überfremdung geriet nun vor allem das Baskische dramatisch in die Defensive“, so Collado Seidel: „Nach dem Verlust des Foralsystems schienen die baskische Kultur und Traditionen nun im letzten Akt ihrer Existenz zu stehen. […] Der baskische Nationalismus muss somit auch als Reaktion auf den sich politisch und kulturell mit Nachdruck durchsetzenden spanischen Nationalstaatsgedanken verstanden werden.“ Collado Seidel schildert die sozialen Spannungen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, die die Industrialisierung begleiteten, und die „schwierige sozioökonomische Situation der Arbeiterschaft nach Ende der kriegsbedingten Boomjahre“. Reaktion darauf: die Diktatur Primo de Riveras samt Unterdrückung des Baskentums. Doch mit „dem Sturz der Diktatur im Januar 1930 kamen wieder all jene politischen und sozialen Bewegungen zum Vorschein, die zum Schweigen verurteilt gewesen waren. Nun wurden jene Kräfte freigesetzt, die auch das verkrustete System der Restauration erfolgreich aufbrechen sollten. Auch der baskische Nationalismus zeigte wieder Präsenz“. Komplizierten und ergebnislosen Autonomieverhandlungen während er Zweiten Spanischen Republik folgte dann der Franco-Putsch, der nicht überall Erfolg hatte. „Im Norden war […] ein zusammenhängender Raum entstanden, in dem der Aufstand [der Putschisten] nicht geglückt war. Er reichte von Asturien bis zur französischen Grenze. Die Frontlinie verlief quer durch den baskischen Raum. Es folgte ein langer grausamer Bürgerkrieg“, so Collado Seidel. „Nach dem Ende der Kampfhandlungen setzte sich im Baskenland […] die Spaltung der Gesellschaft in Sieger und Besiegte fort. Der Riss ging oftmals durch Familien hindurch. Nach dem militärischen Sieg ging der Krieg im Inneren weiter“, denn es folgten Wellen der Repression. „Kulturelle Identifikationselemente, die mit dem kastilisch-spanischen Erbe nicht vereinbar schienen, wurden unterdrückt: Sprachen wie das Baskische wurden aus dem öffentlichen Raum verbannt, und die Publikation in diesen Sprachen war für viele Jahre untersagt. Zuwiderhandlungen zogen empfindliche Strafen nach sich. Im Ausland sorgten Berichte für Aufsehen, wonach baskische Inschriften von Grabplatten entfernt würden.“ Im Baskenland folgten Radikalisierung und ETA-Gründung 1959. „Die Spirale der Gewalt und Gegengewalt sowie vor allem der von den Staatsorganen aufgebaute Verfolgungsdruck durch Ausrufung des Ausnahmezustandes, Verhaftungswellen usw. bedingten auch einen zunehmenden Zuspruch. Eine bewaffnete Auseinandersetzung wurde von einer wachsenden Zahl an Sympathisanten, die sich zunehmend ideell solidarisierten, als legitim betrachtet“, auch wenn die Sympathien nach der Re-Demokratisierung Spaniens stark schwanden. „Der ETA-Terror ist bis in die Gegenwart hinein das Krebsgeschwür der baskischen Gesellschaft geblieben“, mit mehr als 800 Terror-Opfern. „Berechnungen des Ökonomen Mikel Buesa zufolge wird der gesamtwirtschaftliche Schaden auf über ein Fünftel der baskischen Wirtschaftsleistung geschätzt“, und das, obwohl laut Collado Seidel über 70 Prozent der Basken mit dem bestehenden Autonomiestatus weitgehend zufrieden seien. „Gegenwärtig bekundet über die Hälfte der Bevölkerung, Angst davor zu haben, politisch aktiv zu werden. Angesichts der traumatisierenden Folgen der physischen und psychischen Gewalt wird die baskische Gesellschaft auch nach einem Ende des Terrors lange unter den Folgen zu leiden haben.

ISBN 978-3-406-60149-1; EUR 12,95

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3 Kommentare

  1. geschrieben am 3. Dezember 2017 um 22:06 Uhr | Permalink

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